TIBET INITIATIVE DEUTSCHLAND e.V.

Tibets letzte Generation
01. November 2005

News zurück vor
mehr zum Thema ......
zurück zu Tibet Nachrichten
home
Tibets letzte Generation

Quelle: http://www.ff-online.com/php/article.phtml?issue_id=4187&bgcolor=1

Tibets letzte Generation

Autonomie: In Tibet zeigt sich, was mit Südtirol geschehen wäre, - hätte Italien sich getraut, im eroberten
Gebiet so rücksichtslos vorzugehen wie China im Land des Dalai-Lama.

Der Potala ist noch da. Seit 300 Jahren thront das wuchtige Kloster auf einem Felsen in Lhasa, Tibets Hauptstadt. Vor dem Potala aber haben die chinesischen Behörden Tabula rasa gemacht. Die tibetischen Wohnhäuser, die hier vor wenigen Jahren noch standen, sind verschwunden, niedergewalzt für eine breite Prachtstraße und einen riesigen Platz. Auf ihm steht das neue "Siegesdenkmal" von Lhasa. Natürlich heißt es nicht so. In der offiziellen Diktion haben die Chinesen Tibet nicht besiegt, sondern "befreit". Befreit von der erdrückenden Macht der Klöster und einer mittelalterlichen Feudalherrschaft. Das Denkmal ist ein hoch aufragender weißer Turm, ein Symbol für das aufgeklärte China. Es steht dem Potala, einst der Sitz der Dalai-Lamas und somit ein Heiligtum der Tibeter, provozierend gegenüber. Grellgelbe Blumenrabatten im Sockel des Denkmals bilden die Jahreszahlen "1965-2005". 1965, 15 Jahre nach dem blutigen Einmarsch der chinesischen Armee, hat das Pekinger Regime unter Mao Tse-tung Tibet zur "autonomen Region" erklärt. In diesen Wochen wird der 40. Jahrestag gefeiert. Über den Straßen in Lhasa und in anderen größeren Städten Tibets hängen tausende bunte Wimpel mit der Aufschrift "1965-2005". Gefeiert wird aber nur von den chinesischen Behörden. Die Tibeter haben keinen Grund dazu.

Anders als Südtirol, das durch seine Zugehörigkeit zu Österreich-Ungarn einen klaren Status im Völkerrecht hatte, war Tibet im Lauf seiner Geschichte ein juristisches Nichts: weder Teil eines Staates noch ein eigener Staat, und deshalb eine leichte Beute. Dabei war Tibet einmal eine Großmacht. Um 650 n. Chr. schlossen sich einige Stämme zusammen, bildeten ein Heer und bedrohten die Nachbarn Nepal und China. 821 versicherten sich Tibet und China gegenseitig, dass "von keiner Seite jemals eine Invasion ausgehen soll". Eine Kopie dieses Vertrages hängt heute im Jokhang, dem 1500 Jahre alten Tempel im Zentrum von Lhasa. Für diese Kuriosität haben die vielen tausend Pilger, die nach Jahrzehnten des Verbots wieder täglich in den Tempel kommen, aber keine Augen. Die Realität ist längst eine andere. Die frühe Einheit Tibets ist um das Jahr 1200 zerfallen. Es ordnete sich dann freiwillig den erstarkenden Mongolen unter und wurde so von Invasionen verschont - bis 1705 nach dem Ende der mongolischen Vorherrschaft und nach einer Entführung des 6. Dalai-Lamas in Lhasa Unruhen ausbrachen. Für die Chinesen ein Vorwand zum Einmarsch. Sie erklärten Tibet zum chinesischen Protektorat, was es dann für fast 200 Jahre blieb. 1910 marschierten erneut chinesische Truppen in Tibet ein. Der Dalai-Lama floh, durfte aber schon im Jahr darauf zurückkehren. Als nämlich im November 1911 in Peking die Revolution ausbrach und der Kaiser gestürzt wurde, bedauerte die neue, republikanische Staatsführung den Überfall und erkannte den Dalai- Lama "in all seinen Funktionen" an. Für die Tibeter die einmalige Chance, einen eigenen Staat mit dem Dalai-Lama als religiösem und politischem Oberhaupt auszurufen. Sie nutzten sie nicht. Tibets gesellschaftlicher Aufbau war zu der Zeit noch mittelalterlich. An der Spitze stand zwar der Dalai-Lama, bei allen wichtigen Entscheidungen aber hatten die Führer der großen Klöster ein Vetorecht. Da sie befürchteten, Veränderungen würden automatisch ihre Macht beschneiden, blockierten sie jede Öffnung. Anstatt die Wirren des Ersten Weltkrieges für die eigene Selbstständigkeit zu nutzen, igelte sich Tibet noch mehr ein und erstarrte vollends in seinen Traditionen. Als die österreichischen Alpinisten Peter Aufschnaiter und Heinrich Harrer 1944 aus einem englischen Kriegsgefangenenlager nach Tibet flüchteten ("Sieben Jahre Tibet"), fanden sie ein völlig rückständiges, theokratisches Land, in dem ein Viertel der Männer im Kloster lebte. In diese in sich gekehrte Welt donnerte die chinesische Invasion von 1950. Das erstarkte Reich der Mitte wollte sich für immer den riesigen Erweiterungsraum in seinem Westen sichern und annektierte kurzerhand das "Dach der Welt". Kaum ein Staat protestierte, und eine Schutzmacht, die ihre Minderheitenrechte garantiert hätte, hatten die Tibeter nicht. Die Unterdrückung löste 1959 einen Volksaufstand in Lhasa aus, den das chinesische Militär blutig niederschlug. Der nunmehr 14., damals erst 24-jährige Dalai-Lama floh nach Indien. Die von den Chinesen in der Folge versprochene Autonomie entpuppte sich schnell als Farce. Vor genau 40 Jahren, im Herbst 1965, wurde die südwestliche Hälfte des historischen Tibets, das so groß war wie ganz Europa, zwar zur "Tibet Autonomous Region" erklärt, der gesamte Osten aber chinesischen Provinzen angeschlossen. Damit war Tibet zerrissen.

Und im offiziell nun autonomen Teil kamen statt der Selbstbestimmung Maos rote Garden. Der 1966 ausgebrochenen Kulturrevolution fielen in ganz China Millionen zum Opfer, in Tibet aber wütete sie besonders brutal. Kein Wunder, dass die Tibeter heute bei "Autonomie" an anderes denken als an Selbstbestimmung. Wer von Lhasa übers Land fährt, kommt noch immer an zahlreichen Ruinen vorbei, den Resten von Klöstern und buddhistischen Heiligtümern. Von den einst über 6000 religiösen Stätten war am Ende der mehr als zehnjährigen Kulturrevolution nur ein Dutzend übrig geblieben. Die meisten Klöster ausgeraubt und zerstört, Mönche zu tausenden gefoltert und als "Volksfeinde" ermordet, alle religiösen Handlungen verboten: Für die Tibeter, deren Alltag völlig vom Buddhismus und seinen Riten dominiert ist, war die Kulturrevolution eine Zeit der Schrecken. Kommunistische Kader zwangen die Bauern, von der höhentauglichen Gerste (das tibetische Hochland liegt im Schnitt auf über 4000 Meter Meereshöhe) auf Korn und Reis umzustellen. Hunderttausende starben in einer prompt einsetzenden Hungersnot. Von den rund sechs Millionen im früheren Großtibet ist rund eine Million unter der chinesischen Herrschaft umgekommen oder geflüchtet. Drepung und Sera, wenige Kilometer von Lhasa entfernt, waren einmal die größten Klöster der Welt. Allein in Drepung lebten vor dem Einmarsch der Chinesen 10.000 Mönche. Beide Klöster blieben nach schweren Zerstörungen bis in die 80er-Jahre geschlossen - bis in Peking mit Deng Xiaoping eine neue Generation ans Ruder kam. Sie distanzierte sich von den Exzessen während Maos Kulturrevolution und gab, wohl auch als Reaktion auf die zunehmende Popularität des im indischen Exil lebenden Dalai-Lama, den Tibetern wenigstens die Religionsfreiheit zurück. In Drepung und Sera sind die Spuren der Gewaltherrschaft weitgehend verwischt.

Die vergoldeten Buddha- Statuen strahlen wieder, Wandgemälde tragen frische Farben, in beiden Klöstern wohnen wieder rund 300 Mönche - bestaunt von Heerscharen chinesischer Touristen. Eine Ironie des Schicksals, dass die von Chinesen zerstörten tibetischen Kultstätten nach ihrem Wiederaufbau zur chinesischen Attraktion geworden sind. Die Zahl der Touristen aus China dürfte heuer erstmals die Millionengrenze übersteigen. Vom Morgengrauen bis spät in die Nacht umkreist jetzt wieder ein nie endender Strom von Pilgern den Jokhang in Lhasa, den heiligsten aller tibetischen Tempel. Polizisten stehen lässig am Straßenrand, nur ab und zu gehen sie provozierend gegen den Pilgerstrom. Der während der Unruhen von 1959 beschossene Potala ist saniert und als Museum zu besichtigen. In diesen Wochen laufen auch die letzten Renovierungsarbeiten im Norbulingka, der in einem Park nahe Lhasa gelegenen Sommerresidenz der Dalai- Lamas. Die Besucher dürfen mittlerweile sogar in die Privaträume des 14. Dalai-Lama. Sie sehen aus, als wäre er eben erst aus seinem Sofa aufgestanden. China ist sichtbar darum bemüht, die Jahrzehnte des Terrors zu übertünchen. Seht her, wie viel Fortschritt wir nach Tibet bringen, lautet die von Peking verkündete Botschaft. Tatsächlich, Tibets Städte boomen. Überbreite Boulevards mit vielspurigen Kreuzungen durchziehen Lhasa, Gyantse und Shigatse, gesäumt von Kaufhäusern mit chinesischem Warenangebot und gläsernen Bürobauten. Post of China, Bank of China, China Developementbank - wo vor Kurzem noch armselige tibetische Häuser standen, schießt pompöse chinesische Architektur aus dem Boden. In der Kargheit der tibetischen Landschaft sehen die glitzernden Paläste surreal aus, nicht nur, weil viele leer zu stehen scheinen. Alles wirkt überdimensional und für eine scheinbar große Zukunft gebaut.

Der Bauboom kommt nicht von ungefähr. Großunternehmen mit Sitz im östlichen China sind per Gesetz verpflichtet, einen Teil ihres Umsatzes in Tibet zu investieren. Und Han-Chinesen, die nach Tibet umsiedeln, erhalten günstige Kredite, zahlen deutlich weniger Steuern und sind von der strikten Geburtenkontrolle befreit, die Familien im übrigen China in der Regel nur ein Kind erlaubt. Mussolinis Italianisierungsprogramm für Südtirol hatte ähnliche Züge. Nur sind die Chinesen bei der Umsetzung weitaus erfolgreicher, als es die Italiener waren. In Tibet kommt ihnen kein Autonomiestatut in die Quere, keine Zweisprachigkeitspflicht und kein Proporz. Da neben dem Dalai-Lama auch fast alle anderen Führerfiguren ins Ausland geflüchtet sind, haben die Tibeter niemanden, der sie gegenüber China vertritt. Wie in ganz China gibt es keine freie Wahlen, eine tibetische Volkspartei ist undenkbar. So sind die wichtigen Posten in der "autonomen" Regionalverwaltung von Han-Chinesen besetzt. Auch an den Schaltstellen des tibetischen Fernsehens sitzen wie selbstverständlich Chinesen. Von öffentlichen Ämtern sind Tibeter zwar nicht ausgeschlossen, einen Job findet aber nur, wer sich ohne Wenn und Aber zu China bekennt. Hotels, Werkstätten, die meisten Geschäfte sind in der Hand von zugewanderten Chinesen. Selbst die hunderten von Verkaufsständen am langen Pilgerweg um den Jokhang in Lhasa, an denen es Gebetsmühlen, Gebetsfahnen, Buddha-Bilder, Amulette und Gebetsketten zu kaufen gibt, werden zu einem Großteil von chinesischen Händlern betrieben. Chinesisch auch das Nachtleben. Die Zahl der meist aus chinesischen Provinzen kommenden Prostituierten wird allein in Lhasa auf 10.000 geschätzt. Kunden sind vor allem die in Tibet stationierten chinesischen Soldaten. Zunehmend aber auch, wie Tibeter beklagen, die Einheimischen. Wie überhaupt etliche Schranken fallen. Ehen zwischen Chinesen und Tibetern waren bis vor Kurzem noch eine Rarität, in der Generation der jetzt 20-Jährigen werden sie aber offenbar immer häufiger. "Noch 20 Jahre, dann haben die Chinesen ihr Ziel erreicht", sagt ein Mönch beim Blick aus dem Potala hinunter auf die Stadt. In nur zehn Jahren ist Lhasa auf fast das Doppelte gewachsen. Von den rund 250.000 Einwohnern Lhasas dürften bereits 60 Prozent Chinesen sein. Auch in Gyantse und Shigatse sind die Tibeter schon in der Minderheit.

Abschied von Lhasa. Die breite Ausfallstraße nach Südwesten in Richtung Gyantse führt unter eine lange Brücke hindurch, die sich auf eleganten Stelzen quer durch das breite Tal von Lhasa zieht: die neue Eisenbahn. Sie verbindet Golmud weit im Norden mit der tibetischen Hauptstadt: fast 1100 Kilometer lang, 3,3 Milliarden Euro teuer. Vorletzte Woche wurde die Fertigstellung von den Chinesen als "noch nie da gewesener Triumph, vergleichbar mit dem Bau der Großen Mauer", gefeiert. Im kommenden Sommer, ein Jahr früher als geplant, geht die Linie offiziell in Betrieb. Dann werden die Transportkosten nach Tibet auf ein Drittel sinken, und eine neue Zuwanderungswelle aus dem Osten Chinas wird einsetzen. "Grundsätzlich ist eine Eisenbahnverbindung sehr nützlich für die Entwicklung, aber nicht, wenn sie politisch motiviert ist, um Veränderungen in der Bevölkerung zu bewirken", sagte der Dalai-Lama. Vorsichtige Worte. Er hat das Bahnprojekt auch schon mal als Versuch des Genozids bezeichnet.
Auf dem Weg von Lhasa in den Südwesten zur nepalesischen Grenze wird die Entschlossenheit Chinas sichtbar, Tibet wirtschaftlich zu vereinnahmen. Der alte "Friendship-Highway", eine 1100 Kilometer lange legendäre Schotterpiste , ist bereits auf den ersten 250 Kilometern breit ausgebaut und asphaltiert. Daran schließt sich eine 100 Kilometer lange Baustelle an. "In drei Jahren sind wir in Shigatse", sagt stolz ein chinesischer Bauingenieur. Südwestlich davon zweigt vom "Friendship-Highway" eine noch schmalere Piste zum Basislager des Mount Everest ab. Geländewagen mit Touristen, vor allem Chinesen, donnern vorbei, lange Staubfahnen hinter sich herziehend. Sonst aber ist hier vom chinesischen Vormarsch hier noch wenig zu spüren. Tibetische Bauern bringen gerade die Gerste ein, viel mehr wächst hier nicht. Auf einem gemeinsamen Platz vor dem Dorf wird sie gedroschen. Tashi ist ungefähr zehn. Er trägt einen türkisblauen Trainingsanzug mit weißen Streifen, wie alle Schulkinder in Tibet.
Der Anzug ist schmutzig, weil er fast nie etwas anderes trägt. Fast jedes Dorf hat eine kleine Schule, ein mit den Chinesen gekommener Fortschritt. Gesprochen wird Tibetisch, der Unterrichtsstoff aber ist Chinesisch. Tashi wird nicht mehr lange zur Schule gehen. Im Dorf geht sie nur bis zur sechsten Klasse, dann müsste er auf die - chinesische - Oberschule nach Shigatse oder gar nach Lhasa. Und dafür reicht das Geld zu Hause nicht. Der langfristige Schutz der Minderheit ist von China in seiner "Autonomie für Tibet" nicht vorgesehen.

Josef Rohrer

home
tid