TIBET INITIATIVE DEUTSCHLAND e.V.

Besuch S.H. XIV. Dalai in der Schweiz

05. -13. August 2005

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S.H. Dalai Lama zu Besuch in Zürich


Gegen 30’000 TeilnehmerInnen an den achttägigen Unterweisungen des Dalai Lama
im Zürcher Hallenstadion



Der Dalai Lama unterrichtete in Zürich erstmals während acht Tagen im Westen.
Gegen 30’000 Personen haben die achttägigen Unterweisungen des Dalai Lama im Zürcher Hallenstadion besucht. Das Oberhaupt der Tibeter verabschiedete sich heute mit einer Langlebe-Zeremonie.
Dalai Lama in Zürich
Die Veranstaltung «The Dalai Lama in Switzerland 2005» war gemäss den Organisatoren ein grosser Erfolg. Für die Unterweisungen wurden 7700 Wochenpässe zu je 450 Franken verkauft. Dazu kamen rund 9000 Tagespässe (75 Franken). Den öffentlichen Vortrag am letzten Sonntag besuchten 10’000 Personen.
Schätzungsweise 30’000 Personen gingen ins Hallenstadion, um den Dalai Lama zu sehen und zu hören. Die Besucherinnen und Besucher stammten aus 44 Ländern. Die Ausführungen wurden simultan in fünf Sprachen übersetzt. Über den Anlass berichteten rund 270 Journalistinnen und Journalisten aus dem In- und Ausland.
Im Hallenstadion sprach der Dalai Lama über zwei seiner bevorzugten Texte des Buddhismus: «Bodhicaryavatara» (Einführung in den Weg des Bodhisattva) sowie «Bhavanakrama» (Mittlere Stufen der Meditation), die im 8. respektive 9. Jahrhundert entstanden.

Zürcher Premiere
Der Besuch des Dalai Lama im Hallenstadion war für seine Unterweisungstätigkeit aussergewöhnlich, weil er erstmals während acht Tagen im Westen unterrichtete. Die Unterweisungen dauerten jeweils zwei Stunden am Vormittag sowie am Nachmittag.
Das Budget der Veranstaltung im Hallenstadion betrug etwa drei Millionen Franken. Die Organisatoren rechnen mit einem Überschuss von rund 350’000 Franken. Diesen Betrag will der Dalai Lama für gemeinnützige Zwecke verschiedenen internationalen, schweizerischen und tibetischen Institutionen zukommen lassen.
Nach dem offiziellen Ende der Unterweisungen wird der Dalai Lama heute Nachmittag im Hallenstadion die schweizerische Tibetergemeinschaft treffen. Am Samstag hat er drei Termine; unter anderem wird er das Tibeter-Kloster in Rikon ZH besuchen. Übermorgen reist der Dalai Lama zurück nach Indien, wo er seit mehr als 40 Jahren im Exil lebt.

Wunsch nach mehr Autonomie
Der Besuch hatte insofern einen politischen Anstrich, als der Dalai Lama und Bundesrat Pascal Couchepin bei einem offiziellen Treffen unter anderem die aktuelle Lage in Tibet besprachen. Der Dalai Lama wünscht für sein Land mehr Autonomie, um religiöse und kulturelle Traditionen pflegen zu können, was Couchepin weit gehend unterstützte. (ret/sda/ap)
Mehr Artikel zu der Veranstaltung:
Das Hallenstadion als temporäre Lehrstätte des Buddhismus


30'000 beim Dalai Lama
Der erste von acht Tagen mit Unterweisungen des Dalai Lama in Zürich

Die Unterweisungen des Dalai Lama in Zürich bilden für viele den Höhepunkt seines Besuchs in der Schweiz. Die achttägige Veranstaltung ist nicht nur der erste Anlass im umgebauten Hallenstadion, sondern ist auch die bisher umfassendste Unterweisung des Dalai Lama im Westen. Am Freitag sind Tausende nach Oerlikon gepilgert, um seiner Auslegung von buddhistischen Quellen zu lauschen.
urs. Als Tempel der Moderne, zu denen die Fans pilgern, werden grosse Arenen zuweilen bezeichnet. Für das frisch umgebaute Zürcher Hallenstadion sind diese Anspielungen ans Religiöse momentan wörtlicher zu nehmen als sonst: Dort, wo in einem Monat wieder Eishockeyfans unflätige Parolen skandieren werden, sollen die Unterweisungen des Dalai Lama die Masse während acht Tagen in kollektive Besinnlichkeit versetzen.
Diesem Anspruch wird der von sphärischen Klängen begleitete Auftakt am Freitagmorgen weitgehend gerecht. Auf der einen Hälfte des Hallenbodens knien einige hundert Besucher, die sich zu Beginn durch routiniert ausgeführte Gesten und Rituale als praktizierende Buddhisten ausweisen. Die meisten von ihnen haben westliche Gesichtszüge. Im bestuhlten Teil der Fläche und auf den gut gefüllten Rängen sitzen Tausende von weiteren Leuten, die zuvor in Warteschlangen für leises Sprachengewirr von fast babylonischer Vielfalt gesorgt haben.
Tibeter und Tibeterinnen, in der Tradition ihrer Kultur festlich gekleidet, sind überall präsent, wenn auch klar in der Unterzahl. Stark vertreten ist das weibliche Geschlecht - ein Gegengewicht zur männlich dominierten Bühne. Dort sitzt auf einem Thron neben rund zwei Dutzend Mönchen Tenzin Gyatso, besser bekannt als 14. Dalai Lama, das religiöse und politische Oberhaupt der Tibeter. Er wirkt ungewohnt ernst. Eine halbe Stunde wird es dauern, bis ihm einer seiner zum Markenzeichen gewordenen Lacher entfährt. Seine tibetischen Ausführungen überträgt ein Dolmetscher, den er mit knarrenden Lauten zum Übersetzen der Passagen auffordert, in die deutsche Sprache. Mit «Brüder und Schwestern» spricht der Dalai Lama die Versammelten an und schliesst nebst den Exiltibetern auch die buddhistischen und nicht buddhistischen Schweizer mit ein. Die Botschaft, gute menschliche Werte zu stärken, sei allen Religionen gemeinsam. Als er zur Einstimmung in eigentümlicher Mischung aus rhythmischem Murmeln und Melodie vorbetet, wirken manche im Publikum sehr nach innen gekehrt; andere fingern an der Bedienungsanleitung der Hörgeräte herum, über die das Gesagte in fünf Sprachen übersetzt wird.
Die eigentliche Unterweisung beginnt mit einer Einführung in buddhistische Prinzipien, die auch für Laien gut verständliche Anregungen für das alltägliche Handeln und Denken bieten. Sie leiten über zur Auslegung der zwei vom Dalai Lama ausgewählten buddhistischen Quellen: des aus dem Indien des 8. Jahrhunderts stammenden «Bodhicaryavatara» und des im darauf folgenden Jahrhundert auf Tibetisch verfassten «Bhavanakrama». In seinen keineswegs abgehobenen Erläuterungen spricht der Dalai Lama am Freitag beispielsweise vom Wert des kritischen Geistes.
An den Publikumszahlen gemessen, ist das Interesse gross. Über 7000 Wochenpässe à 450 Franken wurden abgesetzt; hinzu kommen Tageskarten. Von mehr als 8000 Besuchern aus 44 Ländern sprach ein Organisator in seinem Grusswort und betonte, ein allfälliger Gewinn werde gemeinnützigen Institutionen gespendet. Er fügte an, die erste Veranstaltung im Hallenstadion möge dazu beitragen, dass dieses auch künftig eine Stätte der Freude und des Glücks sei. So sehen manche solche Grossanlässe als Weihung eines säkularen Ortes, während andere umgekehrt ständig ein Abgleiten des Religiösen ins Profane befürchten.

Zürich: Tages-Anzeiger vom 02.08.2005
«Ich bin hoffnungsvoll, aber das heisst nicht, dass gute Dinge automatisch kommen»
Der Dalai Lama, 70, spricht über China, Herzlichkeit und globale Verantwortung. Er sagt: «Die Welt wird immer besser.»

Mit Seiner Heiligkeit dem XIV. Dalai Lama sprachen Christine Loriol und Marc Zollinger, Bilder Thomas Burla, Bozen (I)

Also, fangen Sie an!

Grüezi!
Was?

Grüezi! So grüssen wir in Zürich.

Verstehe.

Sie kommen nicht zum ersten Mal nach Zürich. Was wissen Sie über die Stadt? Woran erinnern Sie sich?

Shopping!

Shopping? Und was haben Sie gekauft?

Ich selber habe nichts gekauft, nur geschaut. Ich habe aufladbare Batterien gesucht für meine Taschenlampe. Ein Mitarbeiter hat sie dann gefunden.

Jetzt kommen Sie nach Zürich für eine Unterweisung im Hallenstadion. Warum?

Weil in der Schweiz viele Tibeterinnen und Tibeter leben. Und viele davon sind noch jung. Sie müssen mehr über den Buddhismus wissen. Das ist wichtig. Und gleichzeitig befindet sich die Schweiz im Zentrum von Europa. Menschen, die am Buddhismus interessiert sind, können so von überall her leicht dahin gelangen. Und ich werde mich mit einigen Wissenschaftlern treffen. Darauf freue ich mich sehr.
Warum?
Oh, ich interessiere mich für Wissenschaft! Seit 17 Jahren treffe ich mich regelmässig mit Wissenschaftlern. Wir haben realisiert, dass wir viel gemeinsam haben, Buddhismus und Wissenschaft. Und dass wir viel voneinander lernen können.
Die Wissenschaftler in Zürich freuen sich vermutlich auch. Aber die Politiker tun sich schwer, den Dalai Lama offiziell zu empfangen . . .
. . . das ist fast überall so!
Verstehen Sie das?
Oh, ja! China ist so wichtig (macht eine grosse Bewegung mit den Armen und lacht). Es ist ein riesiges Land. Und die Schweiz ist so klein (macht mit zwei Fingern einen Kreis).
Macht Sie das wütend? Oder traurig?
Nein, nein. Das macht mir nichts aus. Das ist die Realität. Ich möchte immer vermeiden, anderen Menschen Unannehmlichkeiten zu bereiten. Mir sind drei Dinge wichtig. Erstens die Förderung menschlicher Werte. Herzlichkeit, Verantwortung, Sinn für die Gemeinschaft. Zweitens die Förderung religiöser Verständigung. Drittens die Sache Tibets. Für die Förderung menschlicher Werte sind Treffen mit der Bevölkerung ausschlaggebend, nicht mit Politikern. Für Glaubensfragen muss ich mich mit religiösen Menschen, religiösen Führern treffen. Normalerweise verursacht das keine grossen Umstände. Was die Tibet-Frage angeht: Manchmal treffe ich mich mit Politikern zu diesem Thema. Oft spüre ich ihre Sympathie und den Wunsch, uns zu unterstützen. Aber im Moment habe ich nichts, was ich konkret von ihnen verlangen könnte. Und deshalb ist es auch nicht so wichtig, ob solche Treffen stattfinden oder nicht.
Sie sprechen immer wieder über die globale Verantwortung. Was meinen Sie damit?
Vor allem was die Wirtschaft, aber auch die Ökologie angeht, ist die Welt kleiner geworden. Alles ist wechselseitig voneinander abhängig. In dieser neuen Realität ist das alte Konzept von «wir» auf der einen und «sie» auf der anderen Seite überholt. Das ist altes Denken. Nicht realistisch. Die ganze Welt ist in gewisser Weise eine Einheit. Sie ist wie ein Körper. Sehen Sie: Hier ist meine Hand, hier mein Fuss. (zeigt das vor) Es ist eine gewisse Distanz dazwischen. Und die Hand ist die Hand, der Fuss ist der Fuss. Aber beides ist Teil meines Körpers. Also muss ich mich um meinen Fuss kümmern, damit ich auch für meine Hand Sorge tragen kann. Das ist unsere neue Realität. Das ist anders als im 18. oder 19. Jahrhundert. Wenn damals in Asien etwas passierte, wirkte sich das auf euch Schweizer nicht aus. Das ist heute ganz anders.
Wenn Tibet die Hand ist und die Schweiz der Fuss, ist es dasselbe?
Ja. Wenn in Tibet etwas geschieht, können die Folgen davon eventuell auch Europa erreichen. Vor einigen Jahren traf ich die Königinmutter Elizabeth. Sie war damals 96 und hatte also fast ein ganzes Jahrhundert erlebt. Ich fragte: «Denken Sie, ist die Welt in dieser Zeit besser geworden oder schlechter?» Sie antwortete ohne zu zögern: «Besser!» Als sie noch jung gewesen sei, hätten in England die meisten Leute keine Ahnung von Menschenrechten oder Selbstbestimmung gehabt. Heute sei das universell. Das bedeutet: Wenn heute in irgendeiner Ecke der Welt Menschenrechte verletzt werden, muss der Rest der Welt das sehr ernst nehmen. Aus eigenem Interesse. Und diesen Sinn für globale Verantwortung brauchen wir dringend.
Auch wir als ganz normale Personen?
Ja, natürlich! So wird der Sinn für globale Verantwortung erst entwickelt.
In unserem Alltag?
Es beginnt beim Individuum und geht über die Familie weiter. Man vermittelt den Kindern diesen Sinn für Verantwortung, Mitgefühl und Warmherzigkeit. Diesen Sinn für Gemeinschaft. So erreichen diese Ideen auch den Nachbarn. Und so werden sie in die Gesellschaft getragen. Es von oben zu befehlen, ist unmöglich.
Aber die Menschen sagen: Schauen Sie doch die Zeitungen an! New York! London! Sharm al-Sheik! Es wird immer schlimmer!
Nein. Nein. Nein. Vor dem Fall der Berliner Mauer war ich einige Male an der Grenze zu Ostdeutschland. Damals spürte ich die Angst der Menschen vor der anderen Seite, vor dem Ostblock und den Streitkräften mit Atomwaffen. Obwohl es kein offener Konflikt war. Einmal habe ich eine Nacht in dieser Gegend verbracht. Ich dachte: Wenn jetzt etwas passiert, wäre ich wohl besser in Dharamsala geblieben. Mir ging es also genau so wie den Leuten. Ihre Angst war sehr real.
Auch heute haben die Menschen Angst.
Atomwaffen sind viel gefährlicher, sie sind nicht mit dem zu vergleichen, was einige Individuen anzurichten vermögen. Heute gibt es Menschen, die Bomben zünden. Das ist sinnlos, schlecht und sehr traurig. Aber wenn Sie aus einer weiteren Perspektive schauen, dann ist die Welt - so denke ich - seit dem Fall der Berliner Mauer sicherer geworden. Ein anderer Hinweis darauf: In den beiden Weltkriegen erklärte jeweils eine Nation der anderen den Krieg und nannte sie Feind. Damals haben fast alle Bürger ohne zu zögern den Krieg unterstützt. Das ist heute nicht mehr so. Die Bürger zeigen Widerstand. Wie viele Millionen Menschen sind gegen den Krieg im Irak auf die Strassen gegangen? Das ist ein gutes Zeichen. Der Wunsch nach Frieden ist sehr stark. Sehr stark.
Dennoch werden weiterhin Kriege geführt.
Mein Lehrer für Quantenphysik, der grosse deutsche Physiker Richard von Weizsäcker, sagte mir einmal: Als ich jung war, war jeder Deutsche ein Feind der Franzosen, und umgekehrt. Und heute? Heute sind sie bloss noch Nachbarn. Das ist doch eine grosse, positive Veränderung. Die Welt wird immer besser.
Aber alle sagen das Gegenteil!
Dann sollen sie doch ein paar Argumente liefern! Ich bin bereit zu diskutieren!
Erklären Sie uns bitte: Was ist Karma?
Bringen Sie doch eine andere Frage! Das ist jetzt wirklich nicht «your business»! Die Schweiz ist doch ein christliches Land.
Haben wir kein Karma?
Sie sollten zu Gott beten, nicht über Karma nachdenken.
Aber auch in der Schweiz gibt es viele Menschen, die sich für den Buddhismus interessieren. Einige sogar sehr.
Europa hat traditionellerweise einen christlichen Hintergrund. Aber unter den Millionen von Menschen gibt es vielleicht einige, die sich mit Buddhismus beschäftigen.
Was meinen Sie: Warum tun sie das?
Manche brauchen halt eine neue Mode, sie tragen Malas (Rosenkränze) und lernen ein paar Gebete. Andere nehmen es sehr ernst. Sie sind entweder am System interessiert oder einfach durstig nach Religion. Im Buddhismus, vor allem dem Mahayana-Buddhismus, beschäftigen wir uns stark mit dem Reflektieren und legen Wert auf das Wissen durch Erfahrung. Dieses Vorgehen ist für einige Leute attraktiv.
Sie sind seit 46 Jahren Flüchtling. Vermissen Sie Ihr Zuhause?
Ja, wir Flüchtlinge vermissen unser Land. Aber das ist hier nicht von Bedeutung. Dass es schwierig ist, die tibetische Kultur, die Religion, das tibetische Erbe zu bewahren, hingegen schon. Das alles macht uns wirklich Sorgen. Es gibt eine grosse Umweltzerstörung und Ausbeutung der Bodenschätze. Viele Arten wilder Tiere verschwinden. Andererseits muss ich sagen: Wir haben unser Land verloren, aber wir haben sehr viele Freunde gefunden, in der ganzen Welt. Mehr als 2000 Tibeterinnen und Tibeter leben glücklich in der Schweiz. Die Bevölkerung, die Regierung und das Rote Kreuz haben wirklich viel geholfen. Deshalb sind wir sehr dankbar. Und wo auch immer tibetische Leute leben, leben sie im Allgemeinen ohne Feindseligkeit mit anderen Menschen zusammen. Wenn wir jetzt - weit weg von zu Hause - in Schwierigkeiten leben würden, dann würden wir unser Land viel mehr vermissen.
Machen Sie es mit Ihrer Politik des gewaltlosen Widerstands den Chinesen nicht zu einfach?
Nein. Ich glaube, es wäre für China leichter gewesen, wenn wir mit Gewalt vorgegangen wären. Sie hätten uns platt walzen können. Und sie hätten einen Vorwand gehabt, uns noch viel mehr zu unterdrücken. Der gewaltlose Widerstand ist aber sehr schwierig auszuüben. Es ist nicht wie in Indien zu Zeiten der Briten. Es gab damals eine unabhängige Justiz und die Redefreiheit. In der kommunistischen Welt gibt es das nicht.
Viele junge Tibeter denken radikaler. Sie wollen kämpfen.
Ja. Die tibetische Jugendorganisation ist sehr kritisch gegenüber meinem Weg. Sie will die Unabhängigkeit. In der Vergangenheit war sie mit dem gewaltlosen Weg einverstanden. Aber weil es in Tibet kein Zeichen der Besserung gibt, führt das zu Frustration und Ungeduld.
Macht Ihnen das Sorgen?
Ja, ein wenig schon.
Sorgen Sie sich um die Zeit nach Ihrem Tod?
Nicht sehr. Das individuelle Leben ist nun mal begrenzt. Seit 2001 wird die politische Führung Tibets gewählt. Alle fünf Jahre gibt es Wahlen. Seither bin ich «halb pensioniert». Unser Kampf ist der Kampf eines ganzen Volkes. Es ist kein Kampf für den Dalai Lama oder um die Institution Dalai Lama. Es geht um die Rechte eines Volkes. Und deshalb muss unsere Bewegung von den Menschen selber getragen werden. Wenn ich sterbe, wird die Struktur, die wir errichtet haben, weitergehen.
Und wenn das Volk sagt: Aber wir wollen kämpfen?
Einige sagen das tatsächlich. Ich diskutiere oft mit ihnen. Für mich ist klar: Wir müssen Seite an Seite miteinander leben, Tibet und China. Damit wir glücklich und friedlich leben können, müssen wir den gewaltlosen Weg strikte einhalten. Unter chinesischen Intellektuellen, Schrifstellern und Künstlern gibt es mehr und mehr Leute, die unseren Weg unterstützen. Das ist die gute Seite. Wenn wir mit Gewalt vorgingen, würden sie das nicht mehr tun.
Haben Sie den Chinesen wirklich vergeben?
Ja. Vergebung bedeutet: Jemand hat Ihnen etwas getan, und Sie reagieren darauf nicht mit Wut. Sie entwickeln keinen Hass. Wir versuchen, Mitgefühl für unsere chinesischen Brüder und Schwestern zu entwickeln. Vor allem für diejenigen, die sehr brutal gewesen sind. Vergebung bedeutet aber nicht, einen Bückling zu machen und Ungerechtigkeit zu akzeptieren. Wir kämpfen für Gerechtigkeit - aber ohne Hass. Ohne Wut. Mit Respekt und Mitgefühl. Diese Art von praktischer Vergebung erzeugt inneren Frieden.
Und wenn man nicht vergeben kann?
Vor vielen Jahren habe ich einen Tibeter aus Amdo, meiner Region, getroffen und ihn gefragt: «Bist du wütend auf die Chinesen?» Noch bevor er antwortete, fingen seine Wangen heftig an zu zittern. Dann sagte er: «Ja, ich bin sehr wütend.» Wenn ich diese Wut in meinem Herzen hätte, könnte ich kaum noch lachen, ich schliefe schlecht, meine Verdauung wäre gestört und mein Gesicht würde runzlig vor Gram. Ich wäre ein alter, kranker Mann. Zum Glück ist mein Geist ziemlich friedlich, ruhig. Ein ruhiger Geist bringt wirklich inneren Frieden.
Das klingt sehr einfach, wenn Sie das sagen. Wie aber sollen wir so reagieren können?
Übung! Zuerst müssen wir versuchen, das Positive an unserem Feind zu sehen. Wir Tibeter haben unser Land verloren, wir sind Flüchtlinge. Das gab uns, und es gab mir, die Gelegenheit, mehr Menschen zu begegnen - Menschen aus aller Welt, mit allen möglichen Hintergründen. Und so habe ich viel gelernt. Zudem: Ein Buddhist, der Mitgefühl praktiziert, braucht Geduld. Der Feind ermöglicht es ihm, Geduld zu üben und Toleranz. Ich bin dem Feind - unabhängig von seiner Motivation - dafür dankbar. Und schliesslich: Wir können diese tibetische Tragödie nicht nur den Chinesen anlasten. Es hat auch mit unserem eigenen Karma zu tun. Diese Art von differenziertem Denken reduziert den Hass.
Das Karma von Tibet? Das ist für uns Westler schwierig zu verstehen . . .
. . . dann verstehen Sie es halt nicht. (lacht)
Wollen Sie es uns nicht erklären?
Ich sagte doch: Das ist nicht Ihr Ding! Wenn Sie es wirklich verstehen wollen, kommen Sie zu meinen Lesungen.
Auf unserer Zugreise hierher nach Bozen haben wir folgende Geschichte erlebt. Kurz vor dem Ziel setzt sich ein junger Mann in unser Abteil. Als die Kontrolleurin kommt, hat er keine Fahrkarte, spricht weder Deutsch noch Italienisch und will das Ticket nicht bezahlen. Wir sehen ihn an: Der Mann hält den Koran in der Hand. Neben ihm liegt ein Rucksack . . .
. . . Sie hatten Angst?
Nein, das nicht. Aber innert Sekunden eine Reihe von Gedanken. Wie können wir dem anderen vertrauen?
Ich glaube, wir müssen realistisch und sensibel sein. Wenn wirklich Gefahr besteht, muss man vorsichtig sein. Das ist okay.
Wir finden, es ist verrückt, wie schnell diese Kettenreaktion von Gedanken passiert: Koran, Rucksack, merkwürdiges Verhalten und dann . . .
. . . ja! Das ist das Leben. Wir sind so.
Ist das gut oder schlecht?
Weder noch. Es ist einfach so. Natürlich, wenn die Skepsis oder Angst zu einem rauen Wort oder einer harschen Haltung gegenüber diesem Mann führt, dann ist es falsch. Wenn Sie aber wirklich hundert Prozent sicher sind, dass dieser Mann ihnen schaden kann, dann müssen Sie natürlich etwas unternehmen. Ich denke, Ihre Reaktion hat mit diesem viel zitierten «Zusammenprall der Kulturen» zu tun. Kurz vor unserem Gespräch wurde ich hier in Italien gefragt, ob es einen Kampf der Kulturen gebe. Ich sagte Nein. Kein wahrer Muslim verbreitet Blut und Schmerz. Aber es ist gefährlich, immer wieder von einem Zusammenstoss der Kulturen zu sprechen und zu schreiben. So setzt sich das in den Köpfen fest, und darum haben sie im Zug auch solche Gedanken gehabt.
Sind Sie ein glücklicher Mensch?
Ja, ich denke.
Und wie können wir auch glückliche Menschen werden?
Sie müssten buddhistische Mönche sein! (lacht). Das war nur ein Scherz. Zwei Dinge braucht es: Erstens sollte Ihr Geist in einer glücklichen Stimmung sein. Dafür ist Warmherzigkeit der Schlüsselfaktor. Wenn Sie ein gutes Herz haben, einen offenen Geist und andere Menschen achten, schafft diese Einstellung wirklich Ruhe. Und zweitens: Betrachten Sie die Ereignisse aus einer anderen Perspektive, entwickeln Sie eine distanziertere, umfassendere Sicht.
Und wie?
Übung! Täglich versuche ich, eine heitere Stimmung zu erzeugen. Sobald ich erwache, übe ich, meinen Geist zu formen. Ich nehme mir vor, an diesem Tag für andere Menschen nützlich zu sein. Ihnen keine Probleme zu bereiten. Das bringt Sinn ins Leben und führt zu einer positiven Stimmung. Und damit ist es leichter, mit schlechten Nachrichten und Schwierigkeiten umzugehen. Wenn die Stimmung schlecht ist, dann stören ja sogar kleine Dinge, sofort und sehr stark.
Das klingt schwierig.

Versuchen Sie, zuerst einen Sinn für die Menschheit als Ganzes zu entwickeln und dafür, dass jeder Mensch Teil Ihres eigenen Körpers ist, sodass Sie nicht mehr länger denken «Wir sind hier und die anderen sind da». Dann wird Ihre Haltung ändern. Und das bringt Ihnen Seelenruhe. Dann kann jede Art von Zwischenfall oder Schwierigkeit sofort von einem anderen Gesichtspunkt betrachtet werden. Und wenn Sie versuchen, von verschiedenen Seiten zu sehen, werden Sie positive Dinge entdecken. Das wird Ihre Frustration abbauen und Ihren Ärger. Okay?
Sind Sie zuversichtlich für die Welt?
Grundsätzlich hoffnungsvoll. Aber das heisst nicht, dass gute Dinge automatisch kommen. Nein. Wir müssen uns mehr anstrengen. Ich denke, das Potenzial ist da, jetzt müssen wir uns anstrengen, es zu realisieren.
Sind Sie zuversichtlich für Tibet?
Wenn ich Tibet mit der Lupe betrachte, bin ich fast hoffnungslos. Wenn ich etwas aus Distanz schaue, bin ich sehr hoffnungsvoll.
Ist Friede möglich?
Ja.
Und wann?
Immer mehr Menschen realisieren, dass Gewalt, unabhängig davon, mit welchem Ziel sie eingesetzt wird, sehr schlecht ist. Man kann nicht alle unerwünschten Menschen ausradieren. Immer mehr sind für den friedvollen Weg. Und das führt zu mehr Willen, miteinander zu sprechen, zu mehr Dialog. Deshalb sage ich: Ich bin hoffnungsvoll. Der Friede kommt.

Zürich: Tages-Anzeiger vom 13.08.2005
Seine Helligkeit hat Zürich gut getan
Dalai-Lama-Tagebuch

Von Marc Zollinger

Acht Tage im grossen Fahrzeug Hallenstadion, Sektor V1, Sitz 21, sind vorbei. Ich habe eine Einführung in den tibetischen Buddhismus erhalten, zwei wichtige historische Texte wurden mir erklärt, ich habe an Ritualen teilgenommen, habe mir ein rotes Bändeli um die Stirne gelegt und vieles, vieles mehr. Und eines ist mir ganz klar geworden: Ich möchte kein Buddhist sein. Zumindest in diesem Leben nicht.
Ein in der westlichen Kultur geborener Mensch muss sein Leben ziemlich umkrempeln, will er den Richtlinien dieser Lehre entsprechen. Dazu handelt es sich um ein sehr komplexes, intellektuelles, philosophisches, spirituelles Konstrukt. Es zu verstehen, verlangt viel geistige Wachheit und Arbeit. Ich muss gestehen: Die Woche im Hallenstadion hat mich teilweise überfordert. Dennoch: Ich danke Gott, Buddha, dem Dalai Lama und Daniela, meiner Chefin, dass ich diese Tage in Oerlikon verbringen durfte. Ich habe gelernt, die Welt, unser Da- sein, mit anderen, den buddhistischen, Augen zu betrachten. Eine faszinierende Perspektive. Und ich war täglich mit freundlichen Menschen zusammen. Normale Menschen, keine vor Ehrfurcht verblendeten Schafe. Zumindest sind mir keine begegnet. Ich sass neben Manfred, einem pensionierten Ingenieur aus Deutschland, der sich seit vielen Jahren vor allem verstandesmässig mit Buddhismus auseinander setzt. Ich sass neben Giusi, einer in der Agglomeration Zürich lebenden Italienerin, «Bürogummi», wie sie sagt. Auch sie seit vielen Jahren im B-Klub, doch nicht so sehr mit dem Intellekt dabei als mit den Gefühlen. Neben ihr sass eine in Genf lebende Tibeterin. Für sie war die Woche Pflichtstoff. Dann Joshua, der 10-Jährige aus Baden, sowie Günter und Rachel, seine Eltern. Der Junge war hier, weil er einen besonderen Bezug zum Dalai Lama hat. Als Joshua einen Monat alt gewesen war, hatten ihn seine Eltern an ein tibetisches Fest nach Dietikon mitgenommen. Zufällig erschien dort auch der Dalai Lama, damals gerade 60 Jahre alt geworden, und segnete das Baby. Joshua, der vor kurzem getauft wurde, hat besonders Freude daran gehabt, dass der Dalai Lama im Stadion eine Dächlikappe trug. Ansonsten beschäftigte er sich mit zwei Episoden der «Wilden Fussballkerle».
Das war meine kleine Familie. Alle höchst unterschiedliche Charaktere. Gemeinsam ist uns, dass wir alle etwa zur selben Zeit unsere Tickets fürs Mini-Woodstock bestellt haben müssen. Und dass wir wissen: Wer Glück und Reichtum ausschliesslich in der äusseren Welt anstrebt, wird unglücklich und arm. Und dass wir dem Dalai Lama mit grossem Respekt begegnen, weil er das, worüber er spricht, verkörpert. Und dass wir verstehen, dass andere Menschen anders auf ihn reagieren können. Wir aber sind froh, dass der Dalai Lama so lange in Zürich war. Seine Helligkeit hat gut getan.

Tages-Anzeiger vom 12.08.2005
Victor, der Chinese
Dalai-Lama-Tagebuch

Von Marc Zollinger

Es gibt im Hallenstadion kaum jemanden, der den Dalai Lama besser kennt als Victor Chang, 60 jährig, Autor und seit sechs Jahren der Schatten seiner Heiligkeit. Chang begleitete ihn auf seinen Reisen nach Indien, Japan, Europa, fuhr mit ihm Zug und Auto, beobachtete, wie er die Zähne putzt, wie er um 3.30 Uhr aufsteht, wie er meditiert, wie er fernsieht. Er sei, sagt Chang, sozusagen die Fliege an der Wand. Oder: der schreibende Manuel Bauer. Chang stammt aber nicht aus Winterthur. Er ist Chinese. In Hongkong geboren. In einer Stadt, in der Geld Gott sei.
Ich treffe Victor Chang im Foyer des Hallenstadions. Er besitzt einen 8-Tages-Pass, gehört aber nicht zu den eifrigsten Schülern. Es sind nicht so sehr die offiziellen Anlässe, die ihn interessieren. Dort kommt nicht die ganze Spannweite der Persönlichkeit des Dalai Lama zum Tragen: der 10-jährige Bub, spontan, humorvoll, frei wie der Wind, und der 100-jährige Gelehrte, weise, wissend, kraftvoll.
Chang hatte am Mittwoch Signierstunde. Die deutsche Übersetzung seines Buches ist gerade erschienen. Es ist das neuste Werk über den Dalai Lama, geht allerdings in der Flut der Publikationen unter: Ganze zwei Unterschriften konnte er geben. Schade. Das Buch besitzt zwar den wohl hässlichsten Umschlag aller Dalai-Lama-Bücher, es ist aber das beste, das ich bisher gelesen habe. Mit einer wunderbaren Leichtigkeit geschrieben, vermittelt es auf wenigen Seiten, anhand Anekdoten und Episoden, ein präzises Bild des Menschen und seiner Lehre. Chang schafft es sogar, mir das Prinzip der Leerheit so zu erklären, dass ich es zu verstehen glaube. Chang ist der andere Herr Spitz: Auch er ist Übersetzer.
1972 traf Victor Chang den Dalai Lama zum ersten Mal - bei einer Audienz in Dharamsala. Kurz zuvor war Chang in Afghanistan gekidnappt worden, konnte jedoch flüchten. Chang war der erste Chinese, mit dem der Dalai Lama nach seiner Flucht aus Lhasa sprach. «Hassen Sie die Chinesen?», fragte er.
«Die Begegnung transformierte mein Leben», sagt er heute. Statt Mediziner zu werden wie seine Brüder, verbrachte er die folgenden zehn Jahre in Tibet, marschierte über 200 Pässe, schrieb Reisebücher, widmete sich heiligen Bergen.
Manche Leute dächten wohl, der Dalai Lama sei etwas simpel, sagt Chang. «Liebe, Verzeihen, Mitgefühl, wiederholt wie ein Mantra, können tatsächlich ihre Bedeutung verlieren.» Wenn man aber, wie Chang, die Gelegenheit hat, den Menschen dabei zu betrachten, erkennt man etwas Wichtiges: Die Kraft hinter den Worten. «Jede Zelle seines Körpers meint das, was er sagt. Und so bekommt man das, was er sagt, vor allem zu spüren.» Und das, was dies bei ihm selbst ausgelöst hat, glaubt Chang, hofft Chang, passiert irgendwann auch dem offiziellen China.

Tages-Anzeiger vom 11.08.2005
Die drei Stufen
Dalai-Lama-Tagebuch


Von Marc Zollinger

Täglich besuchen rund 8000 Seelen das grosse Fahrzeug Hallenstadion. Das heisst: 8000 «Ichs», 8000 unterschiedliche Perspektiven auf den Dalai Lama und 8000 Wege, wie man auf seine Unterweisung reagieren kann. Diese 8000 Einheiten lassen sich gemäss Nachbar Manfred in drei Stufen einteilen: Ein Drittel der Besucherinnen und Besucher hat Freude; ein Drittel muss hart arbeiten, und ein Drittel leidet.
Das Leiden kommt daher, dass hier ganz schön viel abverlangt wird. Der tibetische Buddhismus, den der Dalai Lama im Stadion lehrt, hat nichts mit leicht verdaulicher Lebenshilfe, mit Lifestyle zu tun. Er ist höchst komplex und intellektuell. Er handelt von Logik, von Dialektik. Er besitzt eine eigene Sprache, mit der Gefühle und Begriffe fein säuberlich seziert werden. Der Kopf ist gefordert, und selbst jene Elemente dieser Weltsicht, die die Gefühle, das Herz ansprechen, etwa die Rituale, verlangen viel Vorstellungskraft, sind klar strukturiert. Wer sich demnach nur für Buddhismus interessiert oder für den Dalai Lama, hat sich mit acht Tagen zu viel aufgebürdet und leidet, spätestens ab dem dritten Tag.
Manfred, der sich seit 20 Jahren mit Buddhismus beschäftigt, gehört zur Stufe eins. Denn er lächelt immer wieder und scheint nicht überfordert zu sein. Jedenfalls beantwortet er mir fast jede Wissensfrage. Als Buddhist weiss er aber auf meine bewundernden Worte zu reagieren: «Na, na, ich habe keine Ahnung, am ganzen Gebäude hängt wissensmässig viel mehr dran, als ich mir vorstellen kann. Aber ich kann gut erzählen.» Und er bemühe sich.
Giuisi beweist, dass Klassifizierungen nur bedingt sinnvoll sind. Sie gehört nämlich allen drei Stufen an. Obwohl auch sie gegen 20 Jahre Erfahrung mit dem Buddhismus hat, fühlt sie sich von der Fülle der Informationen überfordert (Stufe 3), versucht diese aber so gut wie möglich aufzunehmen (2), und sie freut sich ungemein, dass sie im Stadion sein kann (1). Es bedeutet für sie nämlich «ein grosses Geschenk», während über einer Woche Bestandteil einer Gemeinschaft zu sein, die nicht Zerstreuung sucht, sondern Sinn und innere Wege, Glück und Frieden. Alle 8000 auf ihre Weise.

Tages-Anzeiger vom 10.08.2005
Die Suche nach der geistigen Ruhe
Dalai-Lama-Tagebuch


Von Marc Zollinger

Während der Unterweisungen herrscht ein einfaches Prinzip. Das heisst ein dualistisches. Entweder spricht der Dalai Lama oder Übersetzer Spitz. Spricht Spitz, haben all jene Pause, die nicht Deutsch verstehen. Das ist etwas weniger als die Hälfte der Besucher. Spricht der Dalai Lama, hat die andere Hälfte freie Zeit. Man gewöhnt sich schnell an diesen Takt. Lernt, ihn auch zu schätzen, gibt er doch die Gelegenheit, das soeben Gehörte zu vertiefen, zu überdenken, zu hinterfragen. Oder sich zu überlegen, was man fürs Nachtessen einkaufen will.
Es gibt sehr viele Möglichkeiten, diese Pausen zu füllen. Nachbarin Giuisi versuchts mit Leere. Sie beobachtet, wohin die Gedanken wandern wollen, jagt sie, versucht den Geist zu beruhigen. Manfred beschäftigt ihn. Er liest. Das blaue Büchlein, das wir zu Beginn der Veranstaltung erhalten haben, ist sein roter Faden in diesen Tagen. «Die mittleren Stufen der Meditation» heisst es, geschrieben von Acharya Kamalashila, einem indischen Gelehrten, der seine Schriften auf Tibetisch verfasste und dadurch beitrug, Buddhas Lehre in Tibet zu verbreiten. Auf wenigen Seiten sei darin das Gebäude des Buddhismus gezeichnet, erklärt mir der deutsche Gelehrte Manfred. Andere halten sich in diesen Pausen den Operngucker vor die Augen. Oder machen sie zu. Als Entspannung, zum Meditieren, für ein Nickerchen. Ich beschäftige mich dann meistens mit der Zukunft. Mein Gott! Was soll ich bloss schreiben? Was auswählen aus dieser Fülle von Gedanken, Begriffen und Begegnungen. Wird es mir gelingen, niemandem Schaden und Leid zuzufügen? Wie kann ich mit dem Text die Menschen glücklich machen? Wie in allen Wesen das Mütterliche sehen? Wie eine universelle Verantwortung entwickeln? Und wie kapiere ich endlich, dass letztlich alles leer ist? Glücklicherweise werde ich von solchen Gedankenzentrifugen jeweils bald wieder herauskatapultiert: Ein Kind weint, eine Frau läuft die Treppe hoch, ein Tibeter schnürt seine Sonntagstracht, der Dalai Lama lacht, vom Wandelgang dringt Geruch von gebratenem Fleisch in die Halle herein. Dann denke ich: Was koche ich bloss zum Nachtessen?
Und als ich das so denke und dann gleich denke, dass ich wohl wieder etwas zu viel denke, erreichen wir das Kapitel 8 in Shantidevas «Anleitung zur Glückseligkeit», wo es im vierten Abschnitt heisst:
«Die von geistiger Ruhe durchtränkte Klarheit überwindet die Leiden schaffenden Emotionen vollständig; dies wissend, sollten wir zuerst nach der geistigen Ruhe suchen. Dies wird durch Nichtverhaftetsein mit dieser Welt und durch echte Freude erreicht.»

Tages-Anzeiger vom 08.08.2005
Die Heiterkeit trotzte dem Halsweh
Mit dem eigenen Husten machte der Dalai Lama am Sonntag seinen Vortrag anschaulich.

Von Daniel Suter

Nachdem sich der Dalai Lama das Mikrofon angesteckt hatte, kam als Erstes ein kräftiges Räuspern und Krächzen aus den Lautsprechern. Der Redner warnte die rund 10 000 Zuhörenden vor zu hohen Erwartungen an seinen Vortrag. Wer meine, der Dalai Lama habe Heil- oder Wunderkräfte, liege völlig falsch. «Wenn ich Heilkräfte hätte, dann hätte ich heute nicht einen so schlechten Hals.» Und schon war der belebende Funke der Heiterkeit aufs Publikum übergesprungen. Es lachte meistens in zwei Etappen: Zuerst jene – erstaunlich zahlreichen –, welche Seine Heiligkeit auf Tibetisch verstanden, dann der grosse Rest nach der deutschen Übersetzung des kompetenten Christof Spitz.
Der Flüchtling als Botschafter
Wir Menschen seien alle im Grundsatz gleich, fuhr der Dalai Lama fort, und wir alle hätten das gleiche Recht auf Glück und Freiheit von Leid. Doch wir alle träfen im Leben auf Schwierigkeiten mit anderen Menschen, mit dem eigenen Körper – «Jetzt tut mir der Hals weh, und ich kann schlecht sprechen. Wenn ich nur daran denken würde, dann würde es auch auf meinen Geist übergreifen und ich verlöre meine Fröhlichkeit.» Darum sei, wo immer wir auf Schwierigkeiten träfen, die innere Einstellung besonders wichtig. «Viele Tibeter leben im Exil, wir haben unser Land verloren. Doch würden wir immer nur daran denken, hülfe es nicht viel. Wir sind Flüchtlinge – aber wir können in der Welt die Besonderheit der tibetischen Kultur bekannt machen.» Auch das Alter könne man bloss negativ sehen, den Verlust der Jugend und der Kraft, die Nähe zum Tod. «Aber man kann sich vor Augen führen, wie viel Lebenserfahrung und damit inneren Reichtum wir gewonnen haben.» Negative Emotionen engten die Urteilsfähigkeit ein, stattdessen sollte man versuchen, eine ruhige und weite Sicht auf die Dinge zu gewinnen. Und eine weite Sicht schliesse die Mitmenschen und letztlich die ganze Welt ein. Liebe und Mitgefühl seien positive, von der Natur in uns angelegte Werte. Das Kind lerne – lange vor jeder Religionserfahrung – von seiner Mutter, was Liebe ist. «Es ist falsch, zu denken, es gebe keine Hoffnung, und zu verzweifeln. Wir haben die wunderbare menschliche Intelligenz. Wir können innere Stärke aufbauen. Es gibt ein tibetisches Sprichwort: Wenn etwas neunmal auseinander fällt, setzt man es neunmal wieder zusammen.»
Im Anschluss an seinen einstündigen freien Vortrag beantwortete der Dalai Lama einige schriftliche Fragen. Jemand beklagte sich, dass er seinen Freunden immer nur gebe und nichts dafür zurückbekomme. «Selber schuld!», sagte der Dalai Lama unter dem nicht nur mitfühlenden Lachen des Publikums. «Wahre Hilfsbereitschaft zeigt sich darin, dass man gibt, ohne Belohnung zu erwarten. Alles andere ist nur ein Geschäft.»

Tages-Anzeiger vom 08.08.2005
Himmel, Hölle oder Erleuchtung
Dalai-Lama-Tagebuch

Von Marc Zollinger

Sie kommen von überall her. Aus dem Ausland, aus dem Inland. Sie sind Nonnen, Mönche, Tibeter, Buddhistinnen, Nicht-Buddhisten, Dalai-Lama-Fans, Gottlose, Christen, Journalisten, Suchende, ganz allgemein. Was sie verbindet. Letzteres und vor allem: Die weisse Stofftasche, die zu Beginn des Teachings abgegeben wurde. Die meisten der Besucher tragen sie mit sich, verzichten auf Individualität, zumindest im Bereich der Aufbewahrung der persönlichen Dinge. Morgens macht sich die Karawane der weissen Taschen auf den Weg ins grosse Fahrzeug, ins Hallenstadion. Die Züge, Trams, sind voll damit. Ja ganz Oerlikon. Mittags selbst der Burger King. Das macht uns zu Komplizen. Wir kommen schnell ins Gespräch, sagen Du, sprechen leise, zwinkern uns zu.
Die Frau in Grau und der Mann in Beige jedoch, die vor dem Stadion stehen und Zettel mit der Aufschrift «Gott oder Buddha?» verteilen, sehen das anders. Fundamental anders. Sie blicken drein, als ob sie gerade gezwungen worden wären, einen Drachen mit Mundgeruch zu küssen. «Ist es wirklich so schlimm, sich den Dalai Lama anzuhören?», frage ich. «Es kommt halt drauf an, ob Sie in den Himmel oder in die Hölle kommen wollen.» Das gibt mir immerhin die Gelegenheit, die zentrale Lehre Seiner Heiligkeit gleich selber anzuwenden. «Ich wünsche Ihnen alles Gute», sage ich. Und zwar mit viel Mitgefühl. Und der Mann mit den drei niedlichen Hunden, der unweit davon Flöte spielt, erhält eine milde Gabe. Er zeigt, wie auch der blinde Drehorgelspieler gleich beim Haupteingang, ein gutes Gespür, zur richtigen Zeit am richtigen Ort zu sein. Gäbe es nun im Hallenstadion ein ZSC-Spiel zu verfolgen und nicht eine Unterweisung des geistigen Oberhaupts der Tibeter, sähen ihre Verdienste etwas anders aus.
Inzwischen sind drei Tage Belehrung vorbei. Der Dalai Lama ist nun daran, das Buch von Shantideva auszulegen, einem Königssohn und Mönch, der im 8. Jahrhundert in Südindien gelebt hat (und nicht in Shantytown an der Sihl). Es sind, wie es im Untertitel heisst, «Anleitungen auf dem Weg zur Glückseligkeit». Das klingt viel versprechend und wunderbar. Kein Wunder, handelt es sich um einen der meistzitierten und -rezitierten buddhistischen Texte. Es geht darum, seine ganze Kraft dem Wohl der Menschen zu widmen, grosszügig, geduldig, mitfühlend zu sein, Leiden und Ungerechtigkeit zu überwinden. Wer das realisiert hat, ist erleuchtet und muss nicht mehr auf die Welt kommen. «Ein langer Weg», sagt Nachbar Manfred. Allein der Komplex des Leidens umfasse sehr viel Arbeit. «Denn bevor man das Leid der anderen lindern kann, muss man erkennen, dass man selber leidet. Man muss also Mitleid mit sich selber entwickeln.» Giusi, die Nachbarin zur Rechten, sagt: «Wir Menschen gehen oft sehr hart mit uns selber um.» Joshua der Fünftklässler liest derweil sein zweites Buch. Er lächelt.

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ages-Anzeiger vom 06.08.2005
Glauben ist gut, hinterfragen besser
Das Zürcher Hallenstadion als tibetischer Tempel: 8000 Menschen aus 44 Ländern sind gekommen, um zu hören, wie der Dalai Lama buddhistische Texte interpretiert.

Von Ralf Kaminski

Zürich. – Buddhistische Gesänge erfüllen die riesige Halle, die dominierenden Farben sind Orange und Rot. Auf der Tribüne seitlich sitzen Mönche; die Zuschauerränge beginnen sich zu füllen. Junge und Alte, Frauen und Männer, viele Tibeter, noch mehr Westlerinnen - alle sind sie gestern herbeigeströmt, um ein Teaching, eine persönliche Unterweisung, des Dalai Lama zu erleben. Acht Tage lang, jeweils zwei Stunden vormittags und nachmittags, wird das geistige Oberhaupt der Tibeter sich mit den Anwesenden in zwei zentrale Texte des Buddhismus vertiefen.
Doch noch ist es nicht so weit: Bis man seinen Sitzplatz in der Halle einnehmen kann, muss man Warteschlangen und Sicherheitskontrollen überwinden. Namgyal Lobsang hat das bereits hinter sich. Der 26-jährige Bankangestellte aus Münchwilen, in eine traditionelle Tschuba gekleidet, steht auf einer Balustrade über den wartenden Massen und schreibt ein SMS. Lobsang hat zwei Wochen Ferien genommen, um den acht Tagen beizuwohnen. Für ihn ist der Buddhismus eine Lebenseinstellung, die er im Alltag umzusetzen versucht. «Ich würde gerne täglich meditieren, aber es geht dann doch oft unter.» Er grüsst immer wieder nach links und rechts - «die tibetische Gemeinde in der Schweiz ist nicht so gross, man kennt sich». Und für fast alle sei es ein grosses Ereignis, den Dalai Lama hier erleben zu können.
So sieht das auch Caroline Hanselmann. «Es ist eine Ehre, einmal im Leben eine Unterweisung vom Dalai Lama zu erhalten», sagt die 29-jährige Drogistin aus Wald. «Ein wichtiger Punkt in meinem Leben.» Auch sie hat extra Ferien genommen, um alle acht Tage dabei zu sein – zusammen mit ihrer Mutter Yvonne Tobler (48), einer Heilpraktikerin aus Hombrechtikon. Buddhisten seien sie aber nicht. «Wir sind nichts», sagt Tobler, «aber der Buddhismus ist auch keine Religion, sondern eine Weltanschauung – und nicht so stur wie etwa das Christentum.»
Pünktlich um 9.30 Uhr wird es etwas dunkler in der Halle, die Gesänge verklingen. Die Menschen im Saal erheben sich, viele haben die Hände gefaltet. Und plötzlich steht er da, ein Mönch unter Mönchen, so unauffällig, dass man gar nicht gemerkt hat, wie er auf die Bühne gekommen ist. Nach einem kurzen Gebet, bei dem er sich dreimal auf die Knie wirft, steigt er auf das erhöhte Podest und mustert das Publikum. Im Saal werfen sich ebenfalls viele dreimal auf die Knie.
Nach einigen einleitenden Ritualen kommt Seine Heiligkeit rasch zur Sache. Auf Tibetisch. Dabei gestikuliert er eifrig, kratzt sich immer wieder am Kopf und wiegt den Oberkörper leicht hin und her. Manchmal redet er zehn Minuten, bevor er den Übersetzer zu Wort kommen lässt. Zu Beginn erklärt der Dalai Lama ein paar Grundprinzipien des Buddhismus und wie man an ihn herangehen sollte. Dabei plädiert er für das Zweifeln. «Nur die Analyse, das Hinterfragen führt zu Vertrauen und Einsicht, und letztlich zur Weisheit.» Es sei wichtig, die Dinge nicht einfach zu übernehmen. Auch seine eigenen Worte solle das Publikum nicht unkritisch akzeptieren. Zudem müsse man berücksichtigen, dass viele religiöse Texte vor langer Zeit entstanden sind. «Seither hat sich die Welt verändert. Man muss also fragen, was sie in der heutigen Zeit bedeuten.» Ein bemerkenswerter Kontrast zu aktuellen religiösen Strömungen im Christentum oder Islam, die darauf bestehen, dass was vor 2000 Jahren geschrieben wurde noch heute die einzige Wahrheit ist.
DVDs, Gebetsmühlen, Heilmantras
Im Vorbau der Halle wird die Unterweisung auf Kassetten und CDs aufgenommen - wer will, kann um 12 bereits kaufen, was vormittags im Saal gesagt wurde. Mittags strömt die Menge aus der Halle und stürmt die Essstände und Restaurants. Im Getümmel auch Sat-1-Chef Roger Schawinski mit Familie, der über seine Frau ein Interesse für den Buddhismus entwickelt und ähnliche Zeremonien schon auf Reisen in Bhutan erlebt hat. Acht Tage bleibt er aber nicht - am Wochenende gehts zurück nach Berlin, an die Arbeit. Für Leute, die erst jetzt einsteigen wollen, gibt es übrigens noch Tageskarten für 75 Franken.
In der Halle auf der anderen Strassenseite flaniert das Publikum durch Verkaufsstände, wo von Gebetsmühlen über Tücher bis zu persönlichen Heilmandalas all das Materielle zu haben ist, dem gegenüber der Buddhismus eigentlich zur Vorsicht rät. Auch Namgyal Lobsang schlendert durch die Reihen. Er hat am Vormittag noch nicht viel Neues gehört, freut sich aber über das grosse Interesse am Dalai Lama und seiner Religion. «Diesem Programm eine Woche lang zu folgen, wird allerdings einige Konzentration und Disziplin erfordern.» Doch er hofft, danach mehr darüber zu wissen, wie er positive Dinge in seinem Leben verstärken kann.

Tages-Anzeiger vom 06.08.2005
Im grossen Fahrzeug
Dalai-Lama-Tagebuch


Von Marc Zollinger

Erst einen Tag bin ich hier im Hallenstadion, und schon ist das Notizbuch voll. Das ist kein Gottesdienst, keine Kirche, sondern eine Universität. Gelehrt werden: die vier Pfade der Erleuchtung, das Prinzip der Leerheit, Bodhicita, Karma, das grosse Fahrzeug. Solche Sachen. Die Frau in der vorderen Reihe sagt: «Echli chopflaschtig.» Manfred dagegen, mein Nachbar, hält alles für sehr verkürzt. «Das sind Grundlagen», sagt er. Für ihn wird es erst in den kommenden Tagen spannend. Manfred ist seit 20 Jahren Buddhist, das ARD hat ihn deswegen erst kürzlich gefilmt. Guisi wiederum, die Frau zu meiner Rechten, hält die Materie für kompliziert. Es sei anstrengend, bei der Sache zu bleiben. Und das sei auch, was sie von Tag eins gelernt habe: «Wir Menschen lassen uns heutzutage schnell ablenken.» Der Geist wandert, der Blick schweift ab, da und dort nickt einer ein. Dies vor allem nach dem Mittagessen, als die Luft in der Halle schlechter wird. Joshua dagegen, zwei Sitze neben mir, ist hellwach. Er liest konzentriert in seinem Buch. «Die wilden Fussballkerle.» Der Junge ist 10 Jahre alt. Seine Eltern, Günter arbeitet als Manager, Rachel als Kindergärtnerin, beschäftigen sich schon sehr lange mit dem Buddhismus. Hildegard, eine Reihe dahinter, interessierte sich bisher mehr für Schamanismus. Wenn der Dalai Lama betet, hört sich das für sie an wie der Singsang eines Indianerhäuptlings. Hildegard erschien zu spät, weil sie lange in der Schlange vor dem Stadion stehen musste. «Das war eine gute Möglichkeit, Gelassenheit zu üben.»
Wir alle sitzen auf der Tribüne, mitte links, Sektor V1. Der Raum wirkt von hier gesehen wie der Rumpf eines Schiffes. Es ist ein grosses Fahrzeug, mit 8000 Passagieren.

Tages-Anzeiger vom 03.08.2005
Der hungrige Mönch auf Pilgerreise
Nun ist er da, der Dalai Lama. Empfangen wurde er wie ein Popstar. Er selber zeichnet ein anderes Bild von sich.

Von Marc Zollinger

Zürich. - Die Tür steht schon längere Zeit offen. Dann betritt er den Saal. Blitzlicht im Fünfsternehotel. Viele Journalisten sind hier, aus allen Landesteilen angereist, auch aus dem nahen Ausland. Man könnte durchaus meinen, ein Popstar sei erschienen. Darum dreht sich denn auch eine der Fragen. Der Dalai Lama wartet einige Sekunden, bevor er mit ruhiger Baritonstimme antwortet: «Ich ein Popstar? Es kümmert mich nicht, was andere Menschen über mich denken.» Es gebe Leute, die betrachteten ihn als Gottkönig, andere wiederum hielten ihn für das Böse. Falsch sei beides. «Ich sehe mich als buddhistischen Mönch, als einfachen Mönch, der den Menschen nützlich sein will.»
Und er ist ein Politiker. Am Morgen aus Bozen angereist, wo er sich mit Wirtschaftsleuten und Reinhold Messner über Autonomie, Ethik und Buddhismus ausgetauscht hatte, traf er sich unmittelbar nach seiner Ankunft mit 13 der 50 Bundespolitiker, die sich zur Gruppe Tibet zusammengeschlossen haben. SP-Nationalrat Mario Fehr, der Präsident der Gruppe, wertet dies als «höchst symbolisch». Die allererste Begegnung in der Schweiz galt Tibet-freundlichen Politikern! Das Gespräch sei denn auch sehr politisch gewesen, sagt Fehr. Der Dalai Lama habe über den «mittleren Weg» gesprochen, der eine substanzielle Autonomie Tibets innerhalb des chinesischen Staates vorsehe. Der 70-Jährige debattierte mit den Parlamentariern über Menschenrechte und Umweltschutz. Und er machte den Männern und Frauen aus dem Bergland eine Freude, indem er sagte: «Der Tibet ist das Dach der Welt, die Schweiz das Dach Europas.»
Den Journalisten erklärt der weltweit bekannteste Flüchtling danach, dass die Sympathie, die seinem unterdrückten und vertriebenen Volk überall zuteil werde, sehr hilfreich und höchst ermutigend sei. Und er sagt: «Wenn man sehr hungrig ist, gibt man sich auch mit wenig Essen zufrieden.» Das entlockt ihm eines seiner berühmten Lachen. Es kommt von Herzen - von einem Herzen, das tief drin sehr schmerzen muss: Vor 22 Jahren habe er bei den chinesischen Behörden angefragt, erzählt der Dalai Lama, ob er die heiligen Stätten in seiner Heimat besuchen dürfe. «Dieser Wunsch hat sich noch nicht materialisiert.» Die Strasse dorthin sei schlecht, habe man ihm entgegnet. Seine Heiligkeit: «Ich warte.»
Von der Hochschule ins Stadion
Das Programm, das den Dalai Lama in den kommenden Tagen erwartet, ist überaus dicht. Heute Mittwoch nimmt er in der Universität Zürich an einem neurowissenschaftlichen Symposium teil, eröffnet im Völkerkundemuseum zwei Ausstellungen und besucht den Münsterhof, wo um 16 Uhr eine Feier zu seinen Ehren stattfindet. Der von der Stadtregierung sowie vom Forum der Religionen organisierte, öffentliche Anlass wird von SF DRS live übertragen. Am Donnerstag besucht der Dalai Lama die ETH und trifft dort Bundesrat Pascal Couchepin. Ab Freitag und während der folgenden sieben Tage erklärt er im Hallenstadion anhand historischer Texte den Kern des buddhistischen Gedankenguts: Wie man Leid schaffende Emotionen überwinden kann und ein glückliches, friedvolles Leben führt. Tickets gibt es an der Tageskasse im Hallenstadion.

Tages-Anzeiger vom 03.08.2005
Distanz zur «Modereligion Buddhismus»
3000 Menschen nahmen am Dienstagnachmittag in Einsiedeln an der Begegnung zwischen dem Dalai Lama und Abt Martin Werlen teil.

Von Michael Meier, Einsiedeln

Selbst die Klosterkirche Einsiedeln füllt der Dalai Lama spielend. Ursprünglich war das Treffen in Einsiedeln allerdings als Begegnung zwischen dem Mönchtum zweier Religionen geplant gewesen. Doch auch die Öffentlichkeit wollte hautnah dabei sein, wenn das Oberhaupt der Tibeter die Einsiedler Benediktiner besucht. 3000 Leute füllten die Barockkirche bis auf den letzten Platz.
Von Stadträtin Monika Stocker bis Ständerat Bruno Frick, von Medienmann Roger Schawinski bis Filmemacher Daniel Schmid: Auch die Prominenz war zahlreich vertreten. In der ersten Bankreihe sassen die schwarz gekleideten Benediktiner von Einsiedeln, gleich hinter ihnen orange-rot gewandete Mönche aus dem klösterlichen Tibet-Institut Rikon. Als der Dalai Lama mit ein paar Minuten Verspätung eintraf - wegen Nebels konnte er nicht im Helikopter von Zürich nach Einsiedeln reisen - winkte er gut gelaunt dem einen oder anderen Mönch zu.
Der Dalai Lama wurde überhaupt seinem Ruf gerecht, dass er mehr durch seine Ausstrahlung und Präsenz als durch seine Worte überzeugt. In seiner zehnminütigen Rede, die er in Tibetisch hielt, beschwor er in sehr allgemeinen Worten das friedliche Nebeneinander der verschiedenen Religionen und Heilswege. Die Vielzahl der Religionen und Weltanschauungen sei etwas Positives. Viele von ihnen hätten den Menschen geholfen, den inneren Frieden im Herzen zu entwickeln. Und bei aller Verschiedenheit pflegten die Religionen gemeinsame Werte wie Liebe, Mitgefühl, Toleranz, Genügsamkeit und Selbstdisziplin. Es führten die vielen Wege zum Anliegen der Religionen, nämlich zuderen gegenseitiger Toleranz. Deshalb sei die Begegnung der Religionen sehr wichtig, so wie sie Papst JohannesPaul II. in Assisi initiiert habe.
«Grundsätzlich unvereinbar»
Auch Hausherr Abt Martin Werlen unterstrich das Gemeinsame von Christentum und Buddhismus. Insbesondere das Mönchtum sei sich in den beiden Religionen sehr ähnlich. Die grundlegenden Fragen des Menschen nach dem Woher und Wohin allerdings beantworteten das Christentum und der Buddhismus sehr verschieden. Ja er bezeichnete die beiden Religionen als «grundsätzlich unvereinbar».
Abt Martin beklagte die Tendenz, dass nicht wenige Menschen ihre Religion selbst zusammensetzten, in dem sie von den einzelnen Religionen einfach übernähmen, was ihnen zusage. Dabei kam er auch auf das Phänomen der Modereligion Buddhismus im Westen zu sprechen. Er sei Seiner Heiligkeit, dem Dalai Lama, sehr dankbar, «dass Sie sich in aller Öffentlichkeit von der Modeströmung Buddhismus distanzieren».
Den Glauben könne man nicht wie ein Kleidungsstück je nach Mode wechseln. Um eine Religion verstehen zu können, müsse man selbst in einer Religion verwurzelt sein. «Dass der Buddhismus in unseren Breitengraden zu einer Modereligion geworden ist, hängt gewiss auch damit zusammen, dass in den christlichen Kirchen in den vergangenen Jahrzehnten die Spannung zwischen Glaube und Vernunft einseitig zu Gunsten der Vernunft verlagert wurde.» Die Bedeutung der Glaubenserfahrung und der bewusste Einbezug der Gefühlswelt und der Körperlichkeit hätten die Kirchen vernachlässigt.

Tages-Anzeiger vom 03.08.2005
Religiöses Live-Erlebnis
Kommentar

Von Michael Meier

Zürich im Dalai-Lama-Fieber: Seine Heiligkeit füllt Kirchen, Klöster und Stadien. Medienleute und Prominenz zieht er in Scharen an. Doch was hat der Dalai Lama eigentlich zu sagen? Was er gestern Dienstag in Einsiedeln vortrug, hat er gleich oder ähnlich schon Hunderte Male verkündet. Und hört man genauer hin, sind es Schlagworte von Toleranz und Respekt, vom Frieden unter den Religionen, denen wohl niemand widersprechen möchte. Doch Hand aufs Herz: Redeten die Geistlichen in unseren Kirchen in solchen Worthülsen und Plattitüden, wir würden sie als unverbesserliche Gutmenschen belächeln und ihre Predigt mit Gähnen quittieren.
Nicht so beim Dalai Lama: Trotz seiner Allerweltsbotschaft wirkt der 70-Jährige offenbar exotisch, frisch und attraktiv. Als Vertriebener im Exil lebend, geniesst der Friedensnobelpreisträger im Westen zudem so etwas wie einen Märtyrerbonus. Glaubwürdig macht den Dalai Lama seine Ausstrahlung. Die ihn schätzen, sagen denn auch, nicht so sehr seine Worte seien das Faszinosum, sondern seine überaus starke Präsenz im Hier und Jetzt. Das hat gewiss etwas Wahres. Der Dalai Lama betört, als Frucht jahrzehntelanger Meditation, durch ein ganz eigenes Charisma.
Er verkörpert Glauben als Erfahrung und nicht als Lehre und Dogma. Die christliche Religion unserer Tage präsentiert sich demgegenüber, wie es der Einsiedler Abt Martin Werlen gestern vor dem Dalai Lama sinngemäss sagte, zu vernunftbetont, zu verkopft. Spirituell Suchende wollen das Göttliche erfahren - in Form von religiösen Live-Erlebnissen. Das Defizit der Landeskirchen an spiritueller Erfahrung fangen heute die Freikirchen auf - oder eben auch die Glaubenswege Buddhas.
Der Dalai Lama scheint die Menschen also mehr mit seinem spirituellen Weg als durch seine stereotypen Appelle für Frieden und Toleranz in seinen Bann zu ziehen. Wie sonst könnte man es erklären, dass sich gerade gebildete Zeitgenossen von ihm angezogen fühlen? Dass auch das Christentum eine lange Tradition sowohl der Meditation als auch der theologischen Reflexion zu bieten hat, scheint der Nachfrage nicht wert zu sein.

Tages-Anzeiger vom 29.07.2005
Analyse: Der unkritische Umgang mit dem Dalai Lama
Der Dalai Lama ist eine Kultfigur und spirituelle Pop-Ikone
.
Die Verklärung des «Gottkönigs» beruht auf vielen Mythen.

Von Hugo Stamm

Der Dalai Lama verkörpert ein einzigartiges Idol: Er ist ein angeblich erleuchteter Gottkönig, das Oberhaupt eines verklärten Volkes, ein Märtyrer, ein stets lächelnder Friedensapostel. Wo der «Ozean der Weisheit» (Dalai Lama) auftaucht, bricht beinahe Hysterie aus. Und so lächelt «Seine Heiligkeit» wie ein Popstar von allen Plakatwänden Zürichs.
Der 14. Dalai Lama ist zweifellos eine besondere Persönlichkeit. Millionen westlicher Sucher benutzen den Friedensapostel als idealtypische Projektionsfläche für ihre ungestillten spirituellen Sehnsüchte. Kritische Fragen werden konsequent ausgeblendet. Während der Islam und das Christentum mit ihren Institutionen häufig in der Kritik stehen, scheinen der Buddhismus - speziell der tibetische - und der Dalai Lama unantastbar. Verklärung und Personenkult fordern geradezu eine kritische Auseinandersetzung heraus.
Beim Dalai Lama wirkt das oft unmotivierte Lachen irritierend. Fast jede Antwort mündet in einen Heiterkeitsausbruch. Auch wenn es um das Leiden seines Volkes geht. Der Dalai Lama wirkt oft entrückt, vergeistigt. Als lebe er in einer spirituellen Sphäre, in der nur Begriffe wie Harmonie, Einfühlsamkeit, Leere und Frieden zugelassen sind. In einem Interview mit dem deutschen Autor Franz Alt sagte er: «Es bringt einfach nichts, wenn man sich ärgert. Nicht einmal über seine Feinde soll man sich ärgern. Es ist intelligenter, seine Feinde zu lieben.» Die Chinesen werden solche Botschaften gern vernehmen. Doch wie klingen sie in den Ohren gefolterter Tibeter?
Die persönliche Entwicklung ist wichtiger
Der «Gottkönig» konzentriert sich in erster Linie auf seine persönliche spirituelle Entwicklung. «Ich bin es mir geradezu schuldig, mich mit allen Kräften um die Entwicklung meines Geistes zu kümmern», schreibt er in seinem Buch «Der Wille zum Frieden». Im gleichen Werk sprach ihn ein Schüler auf das Martyrium eines jahrelang gefolterten Mönchs an. Ob hier nicht Empörung und Handeln angebracht seien, statt sich auf die Suche nach dem inneren Frieden zu konzentrieren, wollte der Schüler wissen. Dem Dalai Lama war die Frage ganze dreieinhalb Zeilen wert, auf die eigentliche Frage oder den gefolterten Mönch ging er nicht ein.
Überhaupt äussert er sich zurückhaltend zum Leiden seines Volkes. Gefühle, die sein Herz in Wallung bringen könnten, darf er nicht zulassen. Sie könnten ihn vom Pfad der Erleuchtung abbringen. So lächelt er negative Gedanken und Gefühle einfach weg. Heute ist der Dalai Lama gefangen in seiner starren Rolle als unermüdlicher Friedensapostel, der als spiritueller Superstar unentwegt um die Welt jettet. So lässt er sich zum Beispiel von Apple, der Hochglanzpostille «Vogue» und «Bild» für Werbekampagnen einspannen und kassiert zweistellige Millionengagen.
In der heutigen Zeit mutet es auch eigenartig an, dass ein Staatsoberhaupt schon als Kleinkind bestimmt wird. Dabei wird die Karmatheorie zum staatstragenden Pfeiler. So überrascht es nicht, dass mancher Dalai Lama überfordert war. Nicht alle «Gottkönige» waren so integer und intelligent wie der aktuelle. Dass bei der Suche des reinkarnierten Dalai Lama okkult anmutende Rituale angewendet werden, fördert das Vertrauen in die politische Entwicklung Tibets auch nicht.
Die Dominanz des Glaubens über die Politik führte dazu, dass der aktuelle Dalai Lama abgeschottet im Königspalast aufwuchs und nur in spirituellen Belangen geschult wurde. Obwohl er das Staatsoberhaupt war, stellte sein eigenes Land für ihn ein unbekanntes Territorium dar. Kontakt zu den Bewohnern hatte er nicht. Gefangen im goldenen Käfig, wuchs er weltfremd auf und hatte keine Ahnung von Geografie oder Politik. Mit fünf Jahren wurde er als Staatsoberhaupt eingesetzt, mit fünfzehn Jahren musste er politische Verantwortung übernehmen. Kein Wunder, flüchtet er immer wieder in die ihm vertrauten spirituellen Sphären.
Von Mao mit allen Ehren empfangen
Heute wird gern vergessen, dass der Dalai Lama früher im Umgang mit China politisch ungeschickt handelte. Nach dem Einmarsch der Chinesen 1950 unterzeichnete eine Delegation des Dalai Lama in Peking ein Abkommen, das Tibet eine Teilautonomie gewährte. (Der 16-jährige «Ozean der Weisheit» blieb religiöses Oberhaupt und behielt im Rahmen des Vertrages die weltliche Macht.) Noch vier Jahre später wurde er mit allen Ehren in Peking empfangen, überreichte Mao eine Glücksschärpe und lebte fast ein halbes Jahr in China.
In seiner Biografie «Buch der Freiheit» schrieb er dazu: «Ich entwickelte eine richtige Begeisterung für die Möglichkeit einer Vereinigung Tibets mit der Volksrepublik China.» Mao nannte er einen «grossartigen Führer» und «aufrichtigen Menschen». Der Dalai Lama äusserte sogar den Wunsch, Mitglied der Kommunistischen Partei zu werden. Er durchschaute die Strategie der «sanften Übernahme» von Mao nicht. Erst der wachsende Widerstand der Tibeter machte ihm das wahre Ausmass der chinesischen Invasion deutlich. Der Volksaufstand von 1959 zwang den Dalai Lama zur Flucht nach Indien, worauf er das Abkommen kündigte.
Politisch ist der Dalai Lama isoliert. Kein Staat anerkennt die tibetische Exilregierung. Heute wäre er bereit, grosse Konzessionen gegenüber der chinesischen Regierung einzugehen. Die früher geforderte politische Unabhängigkeit ist kein Thema mehr. Mit einer Teilautonomie in kulturellen und religiösen Belangen gäbe er sich zufrieden.
Zu Recht wird kritisiert, dass westliche Regierungen aus wirtschaftlichen Gründen vor den Chinesen in die Knie fallen und die Tibetfrage wenn immer möglich ausklammern. Dabei wird gern vergessen, dass der Dalai Lama inzwischen auch diplomatisch denken gelernt hat. So würde er es nie wagen, Indien oder die USA zu kritisieren, weil er von diesen Mächten abhängig ist.
Hinterfragt werden sollte auch die Verquickung von Heilslehre und Politik. Der Dalai Lama ist beispielsweise nach dem karmischen Prinzip überzeugt, dass die Chinesen die Quittung für ihre schlechten Taten in einem späteren Leben präsentiert bekommen werden: «Wenn wir in dieser Generation keinen Frieden erreichen, dann eben in der nächsten Generation.» Politische Strategien vom Glauben an die Reinkarnation abhängig zu machen, ist kaum der Weisheit letzter Schluss.
Angebracht wäre auch eine kritische Auseinandersetzung mit der Heilslehre des tibetischen Buddhismus. Der Glaube an Magie und Wunder treibt eigenartige Blüten. Der Buddhismus ist bevölkert von Dämonen und Totengeistern. Man betrachte nur die vielen brutalen Bilder und Fresken. Oder lese das «Tibetanische Totenbuch» mit den blutrünstigen Monstern, die zum Wohlgeruch Räucherwerk aus Menschenfleisch verbrennen und Banner aus abgezogener Kinderhaut tragen. Wie das Christentum und der Islam ist auch der Buddhismus im Kern kein sanfter Glaube.
Staatsorakel: Dialog mit einem Geist
Für den Dalai Lama und die Buddhisten sind magisches Denken und rationale Analyse kein Widerspruch. Deshalb überrascht es auch nicht, dass der «Ozean der Weisheit» heute noch das Staatsorakel Nechung befragt, bevor er wichtige Entscheide trifft. Dabei fällt der Mönch in Trance, so dass der Dalai Lama angeblich durch ihn mit dem Geist Dorje Drakden sprechen und Ratschläge empfangen kann.
Schwer verständlich ist auch die Verklärung der spirituellen und kulturellen Entwicklung der tibetischen Gesellschaft. Nur schon ein oberflächlicher Blick in die jüngste Geschichte würde diesen Mythos relativieren. Tibet war stets eine absolutistische Theokratie und eine klerikale Feudalherrschaft, in der Leibeigentum bis in die Neuzeit gebräuchlich war. Die Klöster unterdrückten das Volk und beuteten es aus. Ausserdem kam es immer wieder zu Machtkämpfen, Intrigen, Meuchelmorden (fünf Dalai Lamas wurden umgebracht). Ganz zu schweigen von der Unterdrückung der Frauen, die schlecht zum Credo des Buddhismus passt, dass wir allen Wesen mit Respekt begegnen müssen - auch den Tieren. Für die früheren Fehlentwicklungen kann der aktuelle, geistig kultivierte Dalai Lama zwar nichts, doch auch er pflegt den Mythos des sanftmütigen, spirituellen Tibet.
Stutzig macht auch, dass sich der Dalai Lama immer wieder mit zweifelhaften Leuten umgibt. So empfing er im Mai dieses Jahres den Rechtspopulisten Jörg Haider, um mit ihm über das geplante Projekt eines Europa-Zentrums für Tibetische Medizin und Philosophie in Österreich zu diskutieren. Mehrmals Kontakt hatte der Dalai Lama auch zum japanischen Guru Shoko Asahara (Aum), der in seinem apokalyptischen Wahn 1995 Saringas-Anschläge auf die U-Bahn von Tokio ausführen liess, bei denen 12 Personen starben und 5500 verletzt wurden. Der Sektenguru unterstützte den Dalai Lama mit riesigen Summen und bekam vom «Gottkönig» ein Empfehlungsschreiben, mit dem er in Japan die Behörden blenden konnte und die Steuerbefreiung erreichte, wie Colin Goldner in seinem Buch «Fall eines Gottkönigs» nachwies. Es gibt auch Fotos, die den «Gottkönig» Hand in Hand mit dem gefährlichen Guru zeigen.
Angesichts des Leidens seines Volkes mutet es eigenartig an, dass der Dalai Lama häufig um die Welt jettet und sich mit seinen Belehrungen vor allem um das spirituelle Wohl der übersättigten westlichen Sucher kümmert. Es ist heute geradezu chic, sich Buddhist zu nennen. Allein in der Schweiz gibt es 100 buddhistische Zentren. So ist garantiert, dass in Zürich Zehntausende vor Ehrfurcht vor «Seiner Heiligkeit» erstarren werden.

Tages-Anzeiger vom 25.07.2005
Sitzend zum wunschlosen Glück

Auch in Zürich bekennen sich seit 30 Jahren immer mehr Suchende zum Buddhismus. Besonders stark fasziniert der Dalai Lama. Im Angebot gibt es aber auch Buddhismus light.

Von Michael Meier

Zollikon/Zürich. - Das alte Haus mit seinem wild wuchernden Garten in Zollikon wirkt so romantisch, als ob es ein Geheimnis berge. Im Inneren trifft sich in der Tat eine verschworene Gesellschaft, ohne ein Wort miteinander zu reden. Die Beine zum Lotussitz verschränkt, sitzen zwanzig Leute mit aufrechter Wirbelsäule, sodass der Atem fliesst und der Geist ruhig wird. So unspektakulär ist die Schweigemeditation: ein Sitzen ohne Haschen nach Gedanken, ohne Streben und Ziel. Hat sie doch ein Ziel, die Leere des Geistes, das wunschlose Glück. Hier bietet Martin Kalff Meditationen und Kurse in tibetischem Buddhismus an. Mit seiner Frau Sabine leitet er das Buddhistische Zentrum Zollikon.
Auch ohne Gruppe meditiert Kalff abends und morgens und versucht, «die Meditation in den Alltag hineinzunehmen und umgekehrt den Alltag in die Meditation». Kalff arbeitet als Psychologe, ist auch Theologe, Religionswissenschafter und Meditationslehrer. Wie viele andere westliche Buddhisten hat er (noch) nicht konvertiert; er ist in der reformierten Kirche geblieben. «Es gibt ja so viele Berührungspunkte mit dem Christentum, in der Mystik etwa.»
Als Kalff Ende der Sechzigerjahre sein Buddhistisches Zentrum eröffnete, war er einer der Ersten. Heute zählt die von ihm präsidierte Schweizerische Buddhistische Union rund 100 buddhistische Gruppen, Zentren, Klöster oder Zen-Dojos (Übungshallen). Davon sind 25 Gruppen im Kanton Zürich domiziliert. Viele Buddhisten wissen nur dank der 1976 gegründeten Dachorganisation um die Vielfalt buddhistischen Lebens hier zu Lande.
Die grösste Zahl von Buddhisten sind Flüchtlinge und Immigranten aus Ländern Asiens. 1968 weihten tibetische Mönche in Rikon das klösterliche Tibet-Institut ein, Flüchtlinge aus Kambodscha 1983 das Khmer Kulturzentrum Zürich. Die Neobuddhisten oder westlichen Buddhisten schätzt Kalff in der Schweiz auf 10 000 bis 20 000. Unter diesen sind tibetischer Buddhismus und Zen am beliebtesten.
Neu, anders, undogmatisch
Der Buddhismus ist ausgerichtet auf Befreiung vom Leiden, im Zen auf Befreiung vom Gesetz von Ursache und Wirkung. Diese buddhistische Lehre mit ihrem Mut zur Leere ist nicht zuletzt für Gebildete attraktiv. Laut Jesuit und Zen-Lehrer Niklaus Brantschen ist der Buddhismus für viele Westler deshalb so faszinierend, weil er neu, anders, undogmatisch und unbelastet sei. Beliebt sei er bei kirchenverdrossenen Christen mit ihrer Abneigung gegen das Dogmatisch-Institutionelle.
Brantschen hat viele Jahre lang Zazen, Meditation im Sitzen, in Zürich angeboten. Heute gibt er im Lassalle-Haus in Edlibach ZG Zen-Kurse speziell auch für Führungskräfte aus Politik und Wirtschaft. Brantschen glaubt an eine echte Integration des Zen in die westliche Welt. Das werde aber erst der 2. und 3. Generation gelingen. In einer ersten Phase gäben sich viele Neobuddhisten zu 150 Prozent buddhistisch. So haben manche Zen-Gruppen die japanische Kultur übernommen, sie tragen Kutten, essen mit Stäbchen und lesen japanische Texte. Ganz anders im Zentrum für Zen-Buddhismus von Agetsu Wydler in Seebach. Die Rinzai-Zen-Lehrerin ist bestrebt, «das Wesen des Zen in die westliche Kultur und ins tägliche Leben zu bringen». Zazen-Meditation ist für sie Schulung mit dem Ziel, klaren Geistes präsent zu sein.
Um den Weg des Buddha zu gehen, müsse man nicht Berufsbuddhist, Mönch oder Nonne sein, meint Brantschen. Eine ernsthafte Praxis des Zen habe immer ethische und soziale Auswirkungen. Der Buddhist müsse die drei Gifte Hass, Gier und Verblendung überwinden und Mitgefühl mit allen Kreaturen entwickeln.
Auch für Martin Kalff ist Ethik die Basis im Buddhismus: «Wer allen Trieben und Impulsen nachgibt, findet die angestrebte innere Ruhe nicht.» Er verweist auf ein vom Dalai Lama unterstütztes wissenschaftliches Projekt an der ETH Zürich, mit dem Hirnforscher die Auswirkungen der buddhistischen Meditation neurologisch untersuchen. Eine Erkenntnis ist frappant: Im Gehirn wird das Glückszentrum angeregt, sobald Buddhisten über das Mitgefühl meditieren. Das heisst: Glücklich ist, wer sich auf die anderen ausrichtet.
Natürlich werden auch in Zürich modische Light-Varianten des Buddhismus angeboten - nicht selten mit dem Versprechen, mit ein paar Wochenendkursen die Erleuchtung zu erlangen. Viele Esoteriker bedienen sich beim Buddhismus. Oftmals sind Suchende zuerst esoterisch aktiv, ehe sie sich dann exklusiv für den Buddhismus entscheiden. Eine (esoterische) Modeerscheinung ist nach Brantschen auch, dass «so manche Zeitgenossen der Reinkarnationslehre anhängen, ohne zu wissen, was sie bedeutet». Für den Buddhisten sei das Rad der Wiedergeburten etwas Leidvolles.
Die im tibetischen Buddhismus relativ wichtige Lehre entspreche in etwa der christlichen Vorstellung der Läuterung im Fegefeuer. Reinkarnation könne eine Einladung sein, das Leben nicht verbissen ernst zu nehmen, weil man noch andere Chancen habe.
Laut Georg Otto Schmid von der Evangelischen Informationsstelle in Rüti sind die Lehrer buddhistischer Schulen meist ernsthafte Leute. Ein Fragezeichen setzt er hinter die Bewegung Soka Gakkaj International mit ihrem Ableger in Altstetten. Diese Gemeinschaft verbinde den Buddhismus mit japanischem Nationalismus. Umstritten ist auch der erfolgreichste buddhistische Missionar in der westlichen Welt, der Däne Ole Nydahl, der hier gegen 300 Zentren angeregt hat, auch das Buddhistische Zentrum an der Zürcher Hammerstrasse. Vorgeworfen wird ihm sein guruhaftes Gebaren und ein tantrischer Umgang mit Frauen. Obwohl tibetischer Ausrichtung, ist der oberste Lehrer dieses Diamantweg-Buddhismus nicht der Dalai Lama, sondern eine Art Konkurrenz, der Karmapa. Dessen ungeachtet schätzt Kalff auch den Diamantweg-Buddhismus: «Wie in jeder Religion gibt es auch im Buddhismus zahlreiche gegensätzliche Gruppierungen und Konflikte.»

Tages-Anzeiger vom 20.07.2005
Tibet, die Schweiz und die Menschenrechte

Beim Thema «Menschenrechte und Tibet» schielt die Schweiz stets mit einem Auge auf Wirtschaftspartner China. Dies zeigt sich immer, wenn der Dalai Lama die Schweiz besucht.

Von Ueli Abt

Der Dalai Lama kommt im August für zehn Tage nach Zürich. Lange war nicht klar, ob im Rahmen des Grossereignisses ein Bundesrat das tibetische Oberhaupt begrüssen wird. Im April entschied der Bundesrat: Innenminister Pascal Couchepin wird Seine Heiligkeit in Zürich begrüssen.
Grösste Tibetergemeinschaft im Exil
Der Dalai Lama hat seit 1976 immer wieder die Schweiz besucht, nicht zuletzt darum, weil hier Europas grösste tibetische Gemeinschaft lebt. Als Anfang der 60er-Jahre Tibeter massenweise ins Ausland flüchteten, nahm die Schweiz als einziges europäisches Land 1000 Flüchtlinge auf. In der Folge entstand in Rikon ZH das erste tibetische Kloster ausserhalb Asiens. Heute leben mehr als 2000 Tibeterinnen und Tibeter in der Schweiz - so viele wie in keinem anderen europäischen Land.
Mit der bedeutenden humanitären Rolle, welche die Schweiz gegenüber Tibet einnimmt, wäre sie eigentlich dafür prädestiniert, auch auf politischer Ebene entschieden aufzutreten und die Stimme für die Einhaltung der Menschenrechte in Tibet zu erheben.
Zwar zählt das Aussendepartement (EDA) die Menschenrechte zu seinen wichtigen Anliegen, doch die Politik befindet sich im Interessenkonflikt mit der Wirtschaft. Der Wachstumsmarkt China verspricht grosse Geschäfte. Bei den Bemühungen, zum mächtigen Wirtschaftspartner gute Beziehungen zu pflegen, droht die Frage der Menschenrechte unter den Tisch zu fallen.
«Nie übertrieben mutig»
Schon vor fünf Jahren beklagten Parlamentarier in einer Debatte im Nationalrat, dass im Zusammenhang mit Tibet zunehmend Ziele der Schweizer Menschenrechtspolitik wirtschaftspolitischen Interessen untergeordnet würden.
«Was Tibet betrifft, hat der Bundesrat nie durch eine übertrieben mutige Position von sich reden gemacht», sagt Nationalrat Mario Fehr (SP, Adliswil). Fehr präsidiert die Parlamentarische Gruppe für Tibet und sitzt im Patronatskomitee für den bevorstehenden Dalai-Lama-Anlass.
Immer wenn Seine Heiligkeit die Schweiz besucht, gibt sich der Bundesrat reserviert. Bis Anfang der 90er-Jahre sträubte sich die Landesregierung, den Dalai Lama zu empfangen. Erst nach einem parlamentarischen Vorstoss, den alle Parteien mittrugen, traf Bundesrat René Felber 1991 mit dem Dalai Lama zusammen. Weil sie von tibetischer Seite nicht darum ersucht worden sei, werde die Schweiz keine Schritte unternehmen, zwischen China und Tibet zu vermitteln, liess damals das Aussendepartement verlauten.
Bei den Treffen ist man stets bemüht, dem Empfang nicht allzu grosses politisches Gewicht zu geben. Regelmässig protestiert die chinesische Botschaft gegen einen bevorstehenden Empfang, und regelmässig beschwichtigt der Bundesrat, man treffe den Dalai Lama als religiöses und nicht als politisches Oberhaupt. So auch, als 1995 Bundesrat Flavio Cotti den Dalai Lama in Bern empfing.
Nach Jiang Zemin kein Empfang
Auch 1999 war der Dalai Lama in der Schweiz, doch von bundesrätlicher Seite verzichtete man auf einen Empfang. Offiziell begründete man den Entscheid damit, dass der Dalai Lama kein Staatsoberhaupt sei und somit «keinen protokollarisch passenden Gesprächspartner» für Bundespräsidentin Ruth Dreifuss darstelle. Dass man China nicht weiter verärgern wollte, dürfte weit mehr im Vordergrund gestanden haben.
Ein paar Monate zuvor war es nämlich zum Eclat gekommen, als der chinesische Staatschef Jiang Zemin zu Besuch in Bern war. Bei seinem Empfang demonstrierten Tibeter auf einem Dach am Rande des Bundesplatzes lautstark. Zemin verlor die Fassung und rügte den Bundesrat mit harschen Worten und der Äusserung, die Schweiz habe «nun einen Freund verloren».
2001 hingegen begrüsste Ruth Dreifuss Seine Heiligkeit. Dies allerdings nicht im Bundeshaus, sondern im Basler Museum der Kulturen, was dem Treffen eine gewisse Beiläufigkeit verlieh.
Wo die Schweiz ihre Prioritäten setzt, wird klar, wenn man die Anzahl der Treffen zwischen dem Bundesrat und dem Dalai Lama mit der Zahl der Staatsbesuche in China vergleicht: In den vergangenen vierzehn Jahren traf bisher dreimal ein Magistrat den Dalai Lama; in der gleichen Zeit reiste im Schnitt einmal pro Jahr ein Bundesrat nach China. Gerade erst hat Volkswirtschaftsminister Joseph Deiss seine Wirtschaftsmission in China abgeschlossen. Die zahlreichen Chinareisen böten Gelegenheit, um auf Menschenrechtsverletzungen in China und Tibet hinzuweisen. Diese Gelegenheit nehmen Bundesräte aber nicht immer wahr.
Ogi traf Geheimdienstchef
So war für den damaligen Bundespräsidenten Adolf Ogi der langjährig inhaftierte Tibeter Tanak Jigme Sagpo kein Thema, als er 1998 auf Staatsbesuch in China weilte. Der Fall des gesundheitlich angeschlagenen Häftlings fand damals international grosse Beachtung. Mit sportlicher Begeisterung setzte sich Ogi stattdessen dafür ein, dass Ballonfahrer Bertrand Piccard für seine Weltumrundung die Überflugerlaubnis für China erhielt. Und er traf den Chef der chinesischen Geheimpolizei, welche unter anderen Dissidenten bekämpft, was in der diplomatischen Szene mindestens Erstaunen auslöste.
Bei anderen Gelegenheiten hat sich die Schweiz immerhin für politische Gefangene eingesetzt. Zum Beispiel im Rahmen des «Menschenrechtsdialogs mit China», den Diplomaten des EDA seit 1991 mit chinesischen Regierungsvertretern führen. Bisher siebenmal kamen Delegationen beider Länder in der Schweiz beziehungsweise in China zusammen. Behutsam tasten sich jeweils die Gesprächspartner an die fremde Mentalität des Gegenübers im Umgang mit den Menschenrechten heran.
Der Austausch bringt mit sich, dass auch die Schweiz Anregungen erhält: China weist auf Schweizer Probleme mit den Menschenrechten hin, und dafür haben die hiesigen Diplomaten, der Definition eines Dialogs gemäss, ein offenes Ohr. Dass die Wirkung des Dialogs begrenzt ist, dessen ist sich das Aussendepartement bewusst. In der wöchentlichen Fragestunde des Bundesrates schlug Mario Fehr vor, die Fortführung dieses «Alibidialogs» von konkreten Fortschritten auf chinesischer Seite abhängig zu machen.
Inzwischen wurde Tanak Jigme Sagpo dank dem Schweizer Engagement, nebst demjenigen der EU, der USA und Nichtregierungsorganisationen, 2002 freigelassen. Seither lebt er in der Schweiz. Auch die tibetische Gefangene Ngawang Sangdrol kam frei. Beide Fälle waren im Menschenrechtsdialog zur Sprache gekommen.
«Der Menschenrechtsdialog hat an Substanz gewonnen», sagt Mario Fehr. Gleichzeitig brauche es aber weitere Schritte. Zum Beispiel die Bereitschaft, den Dalai Lama offiziell zu empfangen.

Tages-Anzeiger vom 08.07.2005
Der Eiertanz um den Dalai Lama Kommt im August nach Zürich: Dalai Lama.

 
Kommt das Oberhaupt der Tibeter, gerät die Politik ins Rotieren. Man sorgt sich, die Chinesen zu verärgern. Auch in Zürich. Die heikle Frage: Wie den Gast empfangen?

Von Niels Walter

Der Dalai Lama kommt Anfang August für zehn Tage nach Zürich. Auf dem Programm stehen zahlreiche Anlässe, unter anderem an Uni und ETH. Als Höhepunkt spricht das religiöse Oberhaupt der Tibeter sieben Tage lang vor Tausenden im Hallenstadion. Eine Premiere für den Westen und eine grosse Sache für Zürich. Für Politik, Kirchen und Religionsgemeinschaften war klar: Zürich muss den Gast, den Millionen bewundern, ja gar als Heiligen verehren, würdig empfangen. Eine Arbeitsgruppe mit Vertretern von Stadt und Kanton, der Kirchen und anderer Religionsgemeinschaften sowie Organisatoren der Dalai-Lama-Veranstaltungen ringen seit Monaten darum, wer in welchem Namen den Dalai Lama wie empfangen soll.
Präsidiale Fantasien
Nach etlichem Hin und Her kam im Frühling die Sache ins Rollen. Die Stadt hatte Grosses vor. Man wolle etwas machen, das Gewicht habe, signalisierte Stadtpräsident Elmar Ledergerber der Arbeitsgruppe. Er persönlich werde den Dalai Lama empfangen. Dies bestätigte Departementssekretär Ralph Kühne Ende Mai auch gegenüber dem Winterthurer «Landboten».
Das Zürcher Stadtpräsidium unterbreitete der Arbeitsgruppe einen Konzeptvorschlag. Inhalt: Der Regierungsrat empfange den Dalai Lama «wie einen Staatsgast» im Rathaus oder im Haus zum Rechberg. Organisiert und finanziert werde das alles vom Kanton. Anschliessend würde das Zürcher Forum der Religionen zusammen mit dem Dalai Lama auf dem Münsterhof eine offizielle Deklaration zum Weltfrieden verlesen, in Anlehnung an grosse interreligiöse Deklarationen wie 1993 in Chicago oder 2002 in Assisi.
In der Arbeitsgruppe verdrehte man ob der präsidialen Fantasien die Augen. Der Vertreter der Zürcher Staatskanzlei wusste nichts von einem Staatsempfang im Rathaus; die Kirchenvertreter fragten sich, was der von der Politik ausgeheckte «interreligiöse Schnellschuss» soll. Das Echo von Kanton, Kirchen und Religionsgemeinschaften: So geht es nicht. Das Papier aus dem Präsidialdepartement verschwand in der Schublade. Und in der Arbeitsgruppe stellte man in den vergangenen Wochen fest, wie die Töne seitens der Stadt leiser und leiser wurden. Im Juni hiess es dann plötzlich: Ledergerber sei in den Ferien, wenn der Dalai Lama komme; Polizeivorsteherin Esther Maurer vertrete ihn und begrüsse den Dalai Lama an einer öffentlichen interreligiösen Feier am 3. August auf dem Münsterhof. Ralph Kühne vom Präsidialdepartement sagt, Ledergerber habe aus Termingründen seine Ferien verschieben müssen.
Von einem «Staatsempfang» ist heute keine Rede mehr. Was ist nun mit dem grossen Empfang? «Eine heikle Sache», «schwierig», «Bitte lieber nicht zitieren . . .». So tönt es bei Mitgliedern der Arbeitsgruppe. In Gesprächen mit diesen Personen wird klar: Hinter den Kulissen herrscht sei Monaten ein Hüst und Hott - schon vor den grossen Plänen des Zürcher Präsidialdepartements, und seither erst recht. Ein Kompromiss hat den anderen abgelöst. Heute, drei Wochen vor der Ankunft des tibetischen Oberhaupts, herrscht eher Unzufriedenheit denn Vorfreude.
Politische Eiertänze vor einem Besuch des Dalai Lama sind gang und gäbe. Man weiss: Kommt der «Ozean der Weisheit», wirft das Wellen. Die Politik wird vorsichtig, ja gar ängstlich. Sie hirnt, wer in welcher Form das Oberhaupt des tibetischen Buddhismus treffen soll. Offiziell, halboffiziell? Prominent am Regierungssitz oder unauffällig im Rahmen einer Veranstaltung? Die Devise lautet: Nur ja nicht die Chinesen verärgern; die diplomatischen Beziehungen, die grossen Geschäfte im Weltmarkt der Zukunft könnten leiden.
China protestiert und droht
Standard ist auch, dass China im Voraus protestiert und droht. Schon im Februar liess die chinesische Botschaft verlauten, sie sei dagegen, dass hiesige Politiker jeglichen Kontakt mit dem Dalai Lama herstellten. Der Bundesrat entschied im Frühling: Bildungsminister Pascal Couchepin begrüsst den Tibeter an einem Symposium an der ETH. Auch die Regierungsvertreterinnen von Stadt und Kanton Zürich begrüssen Seine Heiligkeit im Rahmen von Veranstaltungen: Regierungspräsidentin Dorothée Fierz an einer Vernissage im Völkerkundemuseum, Regine Aeppli an einem Vortrag an der Uni, Esther Maurer auf dem Münsterhof.
Vielleicht klappt es noch, dass zwei, drei Regierungsräte mit dem Dalai Lama im kleinen Kreis zu Mittag essen. Das will man aber nicht an die grosse Glocke hängen - hat doch das chinesische Generalkonsulat in Zürich wie erwartet ein Protestschreiben an Stadtrat und Regierungsrat gesandt. Die Forderung: Die politischen Behörden sollten auf einen Kontakt mit dem Dalai Lama verzichten. Der Regierungsrat hat höflich geantwortet, dass es sich bei der geplanten Begrüssung in keiner Art und Weise um einen Staatsempfang handle.


Neue Zürcher Zeitung, 6.8.05:
Auf der Suche nach dem Dalai Lama

Wo der Dalai Lama hinkommt, wird er wie ein Filmstar empfangen. Jede seiner Verlautbarungen zieht rund um die Welt zahllose Menschen in den Bann - auch dann, wenn es sich um eher allgemeine, unverbindliche Aufrufe zu Toleranz und Frieden handelt. Kein anderer religiöser Führer ist derart populär, und sogar im nüchternen Zürich hat das geistige Oberhaupt der Tibeter mit seinem Besuch so etwas wie Begeisterung ausgelöst. Mehrere tausend Menschen strömten auf den Münsterhof zu einer interreligiösen Begegnung. Die wissenschaftlichen Symposien an der Universität und der ETH, die der Dalai Lama besuchte, waren bereits Wochen im Voraus ausverkauft, wurden in mehrere Hörsäle übertragen und konnten im Internet live verfolgt werden. Und bis zum nächsten Freitag lassen sich im Hallenstadion mehr als 8000 Menschen aus ganz Europa von Seiner Heiligkeit in die Grundlagen des Mahayana-Buddhismus einführen.
Die meisten Besucher der Unterweisungen sind nicht Tibeter, sondern Europäer. Nur die wenigsten von ihnen würden sich selbst als Buddhisten bezeichnen. Einige kommen aus blosser Neugier, die meisten aber treibt Interesse; ein Interesse, über dessen Natur sie sich zum Teil wohl selbst nicht ganz im Klaren sind. Wem gilt es eigentlich? Dem buddhistischen Mönch, der sich mit unprätentiöser Selbstverständlichkeit auf dem Parkett der internationalen Politik bewegt? Dem lebenslangen Flüchtling und Kämpfer für die Rechte des geschundenen tibetischen Volks? Dem Friedensnobelpreisträger, der beharrlich daran festhält, seine politischen Ziele gewaltlos zu erreichen? Dem Prediger des Friedens, der Respekt und Toleranz als Grundwerte der menschlichen Gemeinschaft preist? Oder einem mysteriösen, göttlich erleuchteten Wesen, in dem die diffusen spirituellen Sehnsüchte westlicher Sinnsucher eine willkommene Projektionsfläche finden?
Wahrscheinlich spielt von allem etwas mit. Die Wahrnehmung des Dalai Lama im Westen ist nicht frei von Missverständnissen und blendet manches aus. Dass er in der Unbedingtheit des spirituellen Anspruchs und in seiner menschlichen Integrität eine eindrückliche Gestalt ist, steht allerdings ausser Zweifel. Trotzdem müsste er vor der eigenen Fangemeinde fast in Schutz genommen werden. Wie nimmt diese das auf, was er der christlich geprägten westlichen Welt ans Herz legt? Auf die Frage, wie Elemente des Buddhismus in den christlichen Glauben integriert werden könnten, gab er Anfang dieser Woche eine klare Antwort: «Haltet an eurer eigenen Tradition fest.» Zürcher Journalisten, die ihn baten, den Begriff Karma zu erklären, beschied er knapp und deutlich: «That's not your business.» Sie sollten, fügte er bei, zu Gott beten und nicht über Karma nachdenken.
Vielleicht zeigt sich gerade in solchen Äusserungen ein wichtiger Grund für die ausserordentliche Popularität, die der Dalai Lama im Westen geniesst: sein spontanes, unkompliziertes Auftreten, seine wache Präsenz, die sich von der verkrampften Feierlichkeit mancher Würdenträger in christlichen Kirchen abhebt. Zudem erscheint der Buddhismus, den er repräsentiert, vielen christlich geprägten Menschen als faszinierendes, erfrischend irrationales Korrektiv zu ihrer eigenen, als zu starr und vernunftbetont empfundenen Religion. Die Suche nach dem Dalai Lama ist zum Teil wohl als Flucht aus einem als defizitär erlebten Christentum zu verstehen. Wer sich auf diese Suche macht, sollte allerdings die Aufforderung im Ohr behalten, die der Dalai Lama selbst dem Westen zuruft. Auch in der christlichen Tradition gibt es Fremdes zu entdecken.
Basler Zeitung
Mitgefühl laut Dalai Lama die Quelle des Glücks
Zürich. AP/baz. Der Dalai Lama hat am dritten Tag seiner öffentlichen Unterweisungen im Zürcher Hallenstadion vor 11'000 Zuhörern über Mitgefühl als Quelle des Glücks gesprochen. Die Veranstaltung war seit Wochen ausverkauft. Bereits am Morgen waren laut den Veranstaltern 9300 Leute im Hallenstadion.
Hörbar erkältet und oft hustend, warnte das geistige und politische Oberhaupt der Tibeter zu Beginn des Vortrags davor, von seinem Vortrag oder von ihm selbst zu viel zu erwarten. «Wer meint, der Dalai Lama verfüge über Wunderkräfte, der irrt», sagte der Dalai Lama: «Wenn ich Heilkräfte hätte, hätte ich heute nicht einen so schlechten Hals.» Eine Erkältung sei eines der Probleme im Leben, mit denen man umgehen müsse. Sie habe auch etwas Positives: «Ich erhalte von den Leuten viel mehr Bonbons», witzelte er.
Es gebe keinen Menschen ohne Schwierigkeiten und Probleme, doch hänge der Umgang damit von der inneren Einstellung ab. Das Wichtigste sei, mit Hilfe menschlicher Intelligenz die jeweilige Situation ruhig zu analysieren, weite Perspektiven zu entwickeln und sich nicht auf das Problem zu fixieren. Viele Probleme entstünden durch falsches Denken und unrealistische Sichtweisen. Man solle auch die Nöte, Ängste und Bedürfnissen der anderen wahrnehmen. Dadurch würden die eigenen Probleme kleiner, sagte der Dalai Lama unter anderem. Um dies zu erreichen, müssten Werte wie Solidarität, Mitgefühl und gegenseitige Zuneigung gestärkt werden. Dies gelte auch für die Harmonie unter den Religionen, die mit unterschiedlichen Mitteln das gleiche Ziel verfolgten, Liebe und Mitgefühl zu stärken.
Vor dem Vortrag wurde der Dalai Lama von Mitgliedern der tibetischen Vereine der Schweiz und Liechtensteins begrüsst und mit einem Fotobuch über deren Vereinsleben bedacht. Für einen exotischen Kontrast sorgten Darbietungen einer tibetischen Folkloregruppe und der Basler Chorgemeinschaft Kontrapunkt, die «Luegid vo Bärg und Tal» zum Besten gab. Die öffentlichen Unterweisungen dauern bis kommenden Freitag. Sie basieren auf zwei vom Dalai Lama bevorzugten Texten aus dem 8. beziehungsweise 9. Jahrhundert, die Anleitungen zu spiritueller Übung und Meditation bieten und den Kern des buddhistischen Gedankengutes widerspiegeln sollen.



05.07.2005 - "06. Juli 2005: Herzliche Gratulation und Tashi Delek zum 70. Geburtstag S.H. des Dalai Lama!"

Weltweite Gratulationen, Feiern und Berichte zum 70. Geburtstag S.H. des 14. Dalai Lama zeigen die unglaubliche Popularität und Beliebtheit des tibetischen Oberhauptes: Gratulationen und Presseberichte
Vienna online, 1.7.05: Der Dalai Lama wird 70
Seine Weisheit und seine Freundlichkeit haben Tenzin Gyatso, den 14. Dalai Lama, weltweit bekannt und beliebt gemacht. Am Mittwoch kommender Woche (6. Juli) wird das seit 46 Jahren exilierte geistliche und weltliche Oberhaupt Tibets 70 Jahre alt...
ard.de, 1.7.05: Friedensfürst im Exil
Gewaltloser Widerstand, unendliche Geduld und immer ein herzliches Lächeln – so kennt die Welt den Dalai Lama, das weltliche und geistliche Oberhaupt der Tibeter. Am 6. Juli wird seine Heiligkeit 70 Jahre alt...
Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 3.7.05: Der Popstar vom Himalaja
Als die berühmteste Fernsehfamilie der Welt einmal das Chinesenviertel ihrer Heimatstadt Springfield betritt, um dort essen zu gehen, sind die Simpsons begeistert. Nur Tochter Lisa findet wie üblich ein politisches Haar in der Suppe: "Wenn Chinatown bloß nicht immer so gemein auf Tibettown herumtrampeln würde", klagt sie...
Stuttgarter Zeitung, 4.7.05: Der Dalai Lama wird 70
Kampf für ein Ende des Leids der Tibeter
Neu Delhi - Seit Jahrzehnten predigt er Gewaltlosigkeit und Toleranz, obwohl sein Volk unterdrückt wird. Meist lächelt er, auch wenn sein eigenes Schicksal wenig Grund dafür bietet...
Nachrichten.at, 5.7.05: Wird es wieder einen Nachfolger geben? Was für einen Nachfolger wünscht sich der Dalai Lama?
Eigentlich will er vor seinem Lebensende zurück in ein freies Tibet gehen. Der Dalai-Lama würde dann zu Gunsten einer demokratisch gewählten Führung auf seine weltliche Macht verzichten. Tibet würde eine entmilitarisierte Zone, ein Paradiesstaat im Himalaja. Doch der Dalai-Lama weiß, dass sich dieser Traum wohl nicht mehr erfüllen wird. Im Machtkampf um Tibet arbeitet die Zeit für Peking.
Irgendwann wird der Dalai-Lama sterben und mit ihm das Gesicht des tibetischen Buddhismus vom Erdboden verschwinden. Was dann passiert, ist heute noch offen...
Offizielles Programm in Dharamsala, Nordindien:
His Holiness to Grace Today's Birthday Celebration
Dharamshala 6 July 2005: For the first time in a long time His Holiness the Dalai Lama is gracing with his presence the ceremony of his birthday, celebrated every year with great fanfare by Tibetans across the globe...

Vienna online, 1.7.05:
Der Dalai Lama wird 70
Seine Weisheit und seine Freundlichkeit haben Tenzin Gyatso, den 14. Dalai Lama, weltweit bekannt und beliebt gemacht. Am Mittwoch kommender Woche (6. Juli) wird das seit 46 Jahren exilierte geistliche und weltliche Oberhaupt Tibets 70 Jahre alt. Trotz seines selbstlosen Engagements, trotz seiner auf allen Kontinenten vorgetragenen Bitten um Unterstützung für die Sache seines Volkes: Von seinem Ziel, das Leid seiner Landsleute zu beenden, scheint der Friedensnobelpreisträger von 1989 weit entfernt.
Zwei Jahre nach dem Tod des 13. Dalai Lama, Thubten Gyatso, Ende 1933 begann gemäß dem Glauben der tibetischen Buddhisten die Suche nach dessen Wiedergeburt. Die Mönchsdelegation stößt in der Ortschaft Taktser in der östlichen Provinz Amdo auf Lhamo Thöndup, den Sohn einer Bauernfamilie. Im Februar 1940 wird das Kind unter dem Namen Tenzin Gyatso als Dalai Lama („Ozean der Weisheit") inthronisiert. Zehn Jahre später beginnt die chinesische kommunistische Invasion Tibets, das der Volksrepublik China als „autonome Region" angegliedert wird. 1959 schließlich flieht der Dalai Lama nach einem von der chinesischen Armee blutig niedergeschlagenen Volksaufstand aus seiner Heimat im Himalaya. Indien gewährt ihm Asyl.
Seitdem ist der Dalai Lama nicht ein einziges Mal nach Tibet zurückgekehrt. Er lebt - wie mehr als 100.000 tibetische Flüchtlinge - im nordindischen Dharamsala, wo auch der Sitz der von keinem Staat der Welt anerkannten tibetischen Exilregierung ist. Hilflos muss er seit seiner Flucht mit ansehen, was in seiner Heimat vor sich geht: Alleine während der chinesischen „Kulturrevolution 1966-69 seien 6000 Klöster zerstört worden, beklagt die Exilregierung. Die Siedlungspolitik habe dazu geführt, dass inzwischen mehr Han-Chinesen als Tibeter in Tibet lebten, von letzteren 70 Prozent unterhalb der Armutsgrenze.
Es ist ein Fehler zu glauben, dass das Schlimmste vorüber ist", meint die Exilregierung. „Das Schicksal der einzigartigen nationalen, kulturellen und religiösen Identität Tibets ist heute ernsthaft bedroht." Immer noch komme es zu schweren Menschenrechtsverletzungen, Tibeter würden willkürlich festgenommen, selbst gegen Kinder gingen die Besatzer vor. Sorge dürfte manchen Tibetern bereiten, dass sich Indien und China immer mehr annähern. Nepal schloss vor kurzem bereits das Büro des Dalai Lama in Kathmandu - nach Ansicht von Exil-Tibetern „zu 100 Prozent" unter dem Druck Pekings.
Trotz des Unrechts, das den Tibetern widerfährt, ruft der 14. Dalai Lama seine Landsleute immer wieder auf, sich nicht der Gewalt hinzugeben - der einzige Weg zur Lösung des Konflikts sei der des Dialogs. Schon lange hat der Dalai Lama sich von der Forderung nach voller staatlicher Unabhängigkeit verabschiedet, stattdessen bittet er um echte Autonomie innerhalb der Volksrepublik - und um die Erlaubnis, in seine Heimat zurückkehren zu dürfen. Doch nicht alle Tibeter teilen den moderaten Ansatz ihres Oberhauptes - immer wieder gibt es Stimmen, die sich für gewaltsamen Widerstand gegen die Besatzer aussprechen. Spätestens mit dem Tod des Dalai Lama wird seine einflussreiche, mäßigende Stimme verstummen. Sein Tod werde ein „schwerer Rückschlag" für die Tibeter werden, sagte er selber vor knapp zwei Jahren in einem Interview.
Dem Dalai Lama macht Sorge, dass die Chinesen einen Knaben im besetzten Tibet als seine Wiedergeburt bestimmen könnten, wie es nach dem Tod des Pantschen Lama, der zweithöchsten religiösen Autorität, geschehen ist. Er ist allerdings überzeugt, dass seine Landsleute das nicht akzeptieren würden. Ihnen versichert er: „Meine Reinkarnation wird logischerweise außerhalb, in einem freien Land stattfinden." Schließlich sei der Sinn der Wiedergeburt, so Tenzin Gyatso, „jene Aufgabe zu erfüllen, die das alte Leben begonnen hat".

2. ard.de, 1.7.05:
Friedensfürst im Exil
Gewaltloser Widerstand, unendliche Geduld und immer ein herzliches Lächeln – so kennt die Welt den Dalai Lama, das weltliche und geistliche Oberhaupt der Tibeter. Am 6. Juli wird seine Heiligkeit 70 Jahre alt.
Er ist wohl der schillerndste und am längsten amtierende geistige Würdenträger der Welt. Der buddhistische Mönch Tenzin Gyatso, gleichzeitig Lhama Dhondup, der 1935 im Nordosten Tibets das Licht der Welt erblickte. Zwei Jahre zuvor war der 13. Dalai Lama gestorben und seitdem war ein Gruppe tibetischer Lhamas unterwegs, einen Nachfolger zu finden.
Flucht nach Indien
Im Jahr 1939 fand die Delegation die Reinkarnation des verstorbenen Oberhauptes in einem vier Jahre alten Bauerssohn und schon im Folgejahr wurde er als 14. Dalai Lama inthronisiert. Der Junge genoss eine intensive geistliche und weltliche Ausbildung, die er mit einem Doktorgrad in Buddhistischer Philosophie 1959 abschloss und sogleich aus seiner Heimat über die Berge des Himalaya nach Indien fliehen musste.
In den Jahren zuvor hatte der Dalai Lama vergeblich versucht, die Unabhängigkeit des Mönchsstaates von Peking zu erreichen. Doch nach dem Einmarsch chinesischer Truppen im Jahr 1949 standen die Zeichen schlecht. Den Kommunisten waren die China abgeneigten Tibeter ein Dorn im Auge, die von nun an mit Gewalt "auf Linie gebracht" werden sollten.
Immer heftiger wurden die Repressionen gegen die tibetische Bevölkerung und nachdem die Aufstände der Einheimischen gegen die Besatzungsmacht 1959 ihren blutigen Höhepunkt erreicht hatten, flohen neben dem Dalai Lama Tausende ins Exil. Der Dalai Lama residiert seitdem mit der tibetischen Exilregierung im indischen Dharamsala und setzt sich seitdem für eine Anerkennung seines Landes ein.
Gewaltloser Widerstand
Dabei ist er zum Friedensbotschafter geworden, der auf zahlreichen Reisen immer wieder auf die Probleme seines Volkes aufmerksam macht. Bewundernswert ist der absolut gewaltfreie Weg, den die oberste tibetische Autorität von Anfang an gewählt hat. Kein Hass, keine Gewalt und kein blutiger Widerstand prägen seine Friedenspolitik, sondern Geduld, Herzlichkeit und ein eiserner Wille. Und alles wird begleitet von diesem Lächeln, das Menschen auf der ganzen Welt verzaubert und seine Aura sofort auf alle Personen überträgt, die sich in seiner Nähe befinden.
Einfach ist dieser Weg sicherlich nicht, mangelt es doch noch immer an der notwendigen Unterstützung vieler Länder, die ihren Ton gegenüber der Besatzungsmacht China nur begrenzt verschärfen wollen, um es sich mit dem empor schnellenden Drachen in wirtschaftlichen Fragen nicht zu verscherzen.
Peking: Gewaltsame Unterdrückung
Währenddessen geht die Ausrottung der tibetischen Kultur unvermindert weiter. Landbevölkerung aus dem chinesischen Kernland wird zwangsumgesiedelt und verschiebt so das ethnische Gewicht zu Ungunsten der Tibeter, die mittlerweile im eigenen Land in der Minderheit sind. Zudem wird die tibetische Sprache und Kultur unterdrückt und ist somit ebenfalls vom Aussterben bedroht.
Dem harten Kurs der chinesischen Führung sind zwischen 1959 und 1997 nach Angaben des Dalai Lama 1,2 Millionen Tibeter zum Opfer gefallen. Eine Besserung der Situation ist nicht in Sicht, auch wenn sich seit ein paar Jahren mehr und mehr Staatschefs entschließen, den Dalai Lama zu empfangen und sich die Situation der Tibeter erläutern zu lassen.
Mehrfacher FriedenspreisträgerAuf seinen Reisen und Friedensmissionen wird seine Heiligkeit der Dalai Lama auch immer wieder ausgezeichnet. So ist er Träger unzähliger Ehrendoktortitel und erhielt für seine Bemühungen um den Frieden bereits 1989 den Friedensnobelpreis. In diesem Jahr ist er zudem Träger des Hessischen Friedenspreises. Nicht ohne Grund, hat er doch sein ganzes Leben dem Frieden und dem Dialog gewidmet. "Nomen est Omen" mag man daher auch meinen, bedeutet sein Name doch neben "Ozean der Weisheit" auch "Verteidiger des Friedens".

(http://www.ard.de/kultur/sonstiges/dalai-lama/-/id=171948/vv=print/pv=plain/nid=171948/did=312290/wvhzr7/index.html)



Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 3.7.05:
Der Popstar vom Himalaja

Von Matthias Heine
Als die berühmteste Fernsehfamilie der Welt einmal das Chinesenviertel ihrer Heimatstadt Springfield betritt, um dort essen zu gehen, sind die Simpsons begeistert. Nur Tochter Lisa findet wie üblich ein politisches Haar in der Suppe:
"Wenn Chinatown bloß nicht immer so gemein auf Tibettown herumtrampeln würde", klagt sie, und im selben Augenblick sieht man drei große böse Chinesen, die in einer Seitengasse einen Tibeter zusammenschlagen. Man kann heute als Drehbuchautor für Trickfilmserien offenbar selbstverständlich davon ausgehen, daß solche Witze von Zwölfjährigen in der ganzen Welt verstanden werden.
Das Schicksal der Bewohner des Schneelandes im Himalaja ist wesentlich bekannter, als es das der Kurden oder der mittlerweile befreiten Bewohner Osttimors je war. Bewirkt hat das der Mann, der am 6. Juli siebzig Jahre alt wird: Seine Heiligkeit der 14. Dalai Lama, dessen Mönchsname Tenzin Gyatso lautet.
Zu seinen Divisionen gehören viele Prominente
Stalin wird die Frage zugeschrieben, wie viele Divisionen der Papst habe - der Machtbürokrat hatte keine Vorstellung von der Kraft religiösen Charismas. So wie sich die Kommunisten in der Papstfrage getäuscht haben, so waren auch die roten Chinesen im Irrtum, als sie dem jungen Mann, der 1959 heimlich aus dem seit neun Jahren von Maos Volksbefreiungsarmee besetzten Tibet floh, in Gedanken hinterherhöhnten: Wie viele Divisionen hat schon der Dalai Lama?
Das religiöse Oberhaupt des tibetischen Buddhismus hat es sehr wohl verstanden, Truppen zu sammeln. Nicht nur im nordindischen Dharamsala, wo er heute inmitten von etwa 100.000 Exilanten residiert, sondern auch in der ganzen Welt: Zu den Divisionen des Dalai Lama gehören Prominente, Popstars und Filmkünstler wie Richard Gere und David Bowie, die Beastie Boys und Bernardo Bertolucci, Thomas Gottschalk und Martin Scorsese, Brad Pitt und Beck.
Unterstützt haben ihn Richard von Weizsäcker, der als Bundespräsident den Dalai Lama am 4. Oktober 1990 als ersten ausländischen Gast nach der Wiedervereinigung empfing, oder Papst Johannes Paul II., der ihn 1986 zum Gebetstag des Weltfriedens in Assisi einlud und dessen katholische Kirche ebenfalls unter der eingeschränkten Religionsfreiheit in China leidet.
Charisma verbindet
Und zu seinen Divisionen gehört wohl auch immer noch die Mehrheit der zu Hause gebliebenen Tibeter: Als 1979 erstmals eine exiltibetische Delegation das Himalaja-Hochland bereiste, nahm die Begeisterung ekstatische Züge an. Zum Erschrecken der Chinesen, die von ihrer sozialistischen Umgestaltung des ehemaligen Gottesstaats Tibet so überzeugt waren, daß einige glaubten, die Vertreter der alten religiösen Oberschicht würden mit Steinwürfen empfangen.
Mit Johannes Paul verband den Dalai Lama noch manches andere: Beide waren beziehungsweise sind Charismatiker, bei denen sich diese Gabe mit großer Unbefangenheit gegenüber den Medien verbindet. Hier ließ sich gewissermaßen live im Fernsehen jenes staunenerregende Wunder verfolgen, das uns vom Anfang aller Weltreligionen überliefert ist: wie ein Individuum dank seiner überragenden Ausstrahlung Gefolgschaften sammelt.
Kundun nutzt die Neugier auf seine Person
Das war im Falle des Dalai Lama keineswegs selbstverständlich. Denn ähnlich wie seine Vorgänger war auch er bereits als zweijähriger Knabe mit Hilfe von Weissagungen, Orakeln und Prüfungen als Reinkarnation des 1933 gestorbenen 13. Dalai Lama erkannt worden. Nicht alle wiedergeborenen Dalai Lamas in der Geschichte erfüllten als Erwachsene die Hoffnungen, die man als Kind in sie gesetzt hatte.
Einige blieben blaß und unbedeutend. Und der 1683 geborene 6. Dalai Lama weigerte sich sogar, Mönch zu werden. Statt dessen widmete er sich lieber der Poesie, dem Bogenschießen, der Musik und seinen zahlreichen Mätressen in den Kneipen der Hauptstadt Lhasa.
Im Gegensatz dazu fand sich in schwieriger Zeit in dem als Lhamo Thöndup als Kind nordosttibetischer Bergbauern geborenen Kundun (so lautet einer seiner weiteren Ehrentitel) jener große Mann, der so dringend gebraucht wurde. Der Dalai Lama nutzt zugunsten Tibets die Neugier auf seine Person und seine Lehre. Lebensklug nimmt er dabei eine gewisse Doppelgesichtigkeit in Kauf.
Einfache Botschaften auf Glückskeks-Niveau
Bei den Zeremonien für echte Gläubige genügen seine Handlungen den höchsten Anforderungen, die an die theologische Bildung und die rituelle Kompetenz eines Dalai Lama gestellt werden, welcher stets unter der wachsamen Begutachtung konkurrierender Priester aus den verzweigten Schulen des tibetischen Buddhismus steht.
Doch er weiß auch, daß er für die Lifestyle-Buddhisten des Westens, die an dieser Religion vor allem ihre vermeintliche Zwanglosigkeit schätzen, seine Botschaften simplifizieren muß - manchmal bis aufs Glückskeks-Niveau. 2003 gab er sich gar für die "Bild"-Zeitungsserie "Glücklich werden mit dem Dalai Lama" her.
Doch offenbar glaubt er, nur durch solche manchmal umstrittenen Aktionen die Erinnerung an die Unterdrückung seiner Heimat wachhalten zu können und genug Geld für den Unterhalt der Mönchsklöster im Exil aufzutreiben.
Rücksicht auf China prägt westliche Politik
Das Interesse des Westens an der tibetischen Sache ist von schwankenden politischen, religiösen und ökonomischen Konjunkturen bestimmt: Während des Kalten Krieges unterstützten die Vereinigten Staaten den Widerstand im Schneeland auch militärisch durch Waffenlieferungen. Diese Aktionen wurden nach dem amerikanisch-chinesischen Tauwetter eingestellt.
Dafür fand der Dalai Lama seit seiner ersten Reise ins außerindische Ausland 1973 einen Westen vor, der begierig auf östliche Weisheit war. Als ihm 1989 in Oslo der Friedensnobelpreis verliehen wurde, appellierte er, "Tibet in dieser schwierigen Phase seiner Geschichte nicht zu vergessen".
Davon kann bis heute nicht die Rede sein, auch wenn die Begeisterung nach einem Höhepunkt Mitte der neunziger Jahre mit einer Reihe woodstockartiger Popkonzerte für ein freies Tibet nun wieder etwas abgeflaut ist. Bei den Politikern hat das handfeste Gründe: Man will es sich mit der neuen Weltmacht China nicht verscherzen.
Keine Rückkehr zum status quo ante
Um so knapper mag dem bald Siebzigjährigen manchmal die Zeit vorkommen, die ihm angesichts der vielen Aufgaben und Bedrängnisse noch bleibt. Im tibetischen Kerngebiet, das keineswegs nur die heutige sogenannte "Autonome Region Tibet" der Volksrepublik umfaßt, sind die Tibeter dank der chinesischen Umsiedlungspolitik beinahe schon zur Minderheit im eigenen Land geworden.
Von ihrer Kultur, die mehr mit Indien als mit China zu tun hat, zeugen fast nur noch einige propagandistisch herausgeputzte Klöster und der im 17. Jahrhundert erbaute, gewaltige Potala-Palast in Lhasa.
Und im Exil steht der Dalai Lama - auch darin dem Papst vergleichbar - vor der Herausforderung, seine religiöse Organisation zu reformieren, ohne deren spirituellen Kern zu beschädigen. Denn besser als viele andere Angehörige der einst herrschenden Klasse weiß er, daß es eine Rückkehr zum status quo ante nicht geben kann.
Tibet war nie ein „ShangriLa"
Tibet war früher gewiß nicht der reine feudale Horrorstaat, als den die Chinesen ihn darstellen. Aber es war auch nicht das friedlich abgeschiedene "ShangriLa", voller anspruchsloser glücklicher Menschen und weiser Priester, zu dem es von Wohlwollenden oft rückwirkend verkitscht wird. Es war ein undemokratisches, zurückgebliebenes Land, in dem eine schmale Oberschicht aus der Religion das Recht ableitete, auf Kosten leibeigener Bauern zu leben.
Mit der typisch buddhistischen Friedfertigkeit, die heute das unumstößliche Dogma des Dalai Lama ist, ging es dort selten zu: Die verschiedenen Klöster und Schulen kämpften jahrhundertelang blutig um Macht und Einfluß. Dafür holten sie oft als Mitstreiter ausländische Truppen ins Land und legten so die Wurzel für den chinesischen Mythos, Tibet sei seit 700 Jahren Bestandteil des "Mutterlandes".
China hofft auf biologische Lösung
Während er sich mit seinen Reformbemühungen und seinem Beharren auf absoluter Friedfertigkeit Feinde bei Traditionalisten und Radikalen in den eigenen Reihen machte, haben all seine Kompromisse den chinesischen Haß auf den Dalai Lama nicht gemildert. Trotz seines Pazifismus (und obwohl er mittlerweile nur noch auf einer echten kulturellen und religiösen Autonomie Tibets innerhalb der Volksrepublik beharrt) wird er von Peking als rasender "Separatist" beschimpft.
Man hofft offenbar auf eine biologische Lösung des Problems in der Weise, wie man auch schon mit der Wiedergeburt der zweithöchsten tibetischen Autorität umging: Als der Dalai Lama vor zehn Jahren den in Tibet geborenen Gendun Choekyi Nyima als Reinkarnation des 1989 gestorbenen zehnten Panchen Lama anerkannte, wurde das Kind von den Chinesen verschleppt.
Stattdessen erklärte China mit Hilfe willfähriger Mönche den Sohn zweier tibetischer KP-Mitglieder zum neuen Panchen Lama. Im Vorgriff auf solch ein Verfahren hat Peking schon jetzt bekanntgegeben, daß die nächste Inkarnation des Dalai Lama auf gar keinen Fall im Exil, sondern ganz gewiß in der Volksrepublik geboren werde.

Stuttgarter Zeitung, 4.7.05:
Der Dalai Lama wird 70

Kampf für ein Ende des Leids der Tibeter
Neu Delhi - Seit Jahrzehnten predigt er Gewaltlosigkeit und Toleranz, obwohl sein Volk unterdrückt wird. Meist lächelt er, auch wenn sein eigenes Schicksal wenig Grund dafür bietet. Seine Weisheit und seine Freundlichkeit haben Tenzin Gyatso, besser bekannt als der 14. Dalai Lama, weltweit bekannt und beliebt gemacht. Am Mittwoch (6. Juli) wird das geistliche und weltliche Oberhaupt der Tibeter 70 Jahre alt. Trotz seines selbstlosen Engagements, trotz seiner weltweit vorgetragenen Bitten um Unterstützung für die Sache der Tibeter: Von seinem Ziel, das Leid seines Volkes zu beenden, scheint der Friedensnobelpreisträger von 1989 weit entfernt zu sein.
Zwei Jahre nach dem Tod des 13. Dalai Lama 1933 beginnt gemäß dem Glauben der tibetischen Buddhisten die Suche nach seiner Wiedergeburt. Ein Suchtrupp stößt auf Lhamo Dhondup, den Sohn einer Bauernfamilie. Im Februar 1940, im Alter von vier Jahren, wird er unter dem Namen Tenzin Gyatso als Dalai Lama ("Ozean der Weisheit") inthronisiert. Rund zehn Jahre später beginnt die chinesische Invasion Tibets - das die Volksarmee bis heute gegen auch gewaltsamen Widerstand der Tibeter besetzt hält. 1959 schließlich flieht der Dalai Lama aus seiner Heimat im Himalaja. Indien gewährt ihm Asyl.
Seitdem ist der Dalai Lama nicht ein einziges Mal nach Tibet zurückgekehrt. Er lebt - wie mehr als 100.000 tibetische Flüchtlinge - im nordindischen Dharamsala, wo auch der Sitz der von keinem Staat der Welt anerkannten tibetischen Exilregierung ist. Hilflos muss er seit seiner Flucht mit ansehen, was in seiner Heimat geschieht: Allein während der chinesischen Kulturrevolution seien 6000 Klöster zerstört worden, beklagt die Exilregierung. Die Siedlungspolitik habe dazu geführt, dass inzwischen mehr Chinesen als Tibeter in Tibet lebten, von letzteren 70 Prozent unterhalb der Armutsgrenze.
"Es ist ein Fehler zu glauben, dass das Schlimmste vorüber ist", meint die Exilregierung. "Das Schicksal der einzigartigen nationalen, kulturellen und religiösen Identität Tibets ist heute ernsthaft bedroht." Immer noch komme es zu schweren Menschenrechtsverletzungen, Tibeter würden willkürlich festgenommen, selbst gegen Kinder gingen die Chinesen vor. Sorge dürfte manchen Tibetern bereiten, dass sich Indien und China immer weiter annähern. Nepal schloss vor kurzem bereits das Büro des Dalai Lama in Kathmandu - nach Ansicht von Exil-Tibetern "zu 100 Prozent" unter dem Druck Chinas.
Trotz des Unrechts, das den Tibetern widerfährt, ruft der Dalai Lama seine Landsleute immer wieder dazu auf, sich nicht der Gewalt hinzugeben - der einzige Weg zur Lösung des Konflikts sei der des Dialogs, meint er. Schon lange hat der Dalai Lama sich von der Forderung nach Unabhängigkeit verabschiedet, stattdessen bittet er um Autonomie innerhalb der Volksrepublik - und um die Erlaubnis, in seine Heimat zurückkehren zu dürfen.
Doch nicht alle Tibeter teilen den moderaten Ansatz ihres Oberhauptes - immer wieder gibt es Stimmen, die sich für gewaltsamen Widerstand gegen die Besatzer aussprechen. Spätestens mit dem Tod des Dalai Lama wird seine einflussreiche, mäßigende Stimme verstummen. Sein Tod werde ein "schwerer Rückschlag" für die Tibeter werden, sagte er selber vor annähernd zwei Jahren in einem Interview.
Der Dalai Lama sorgt sich, dass die Chinesen einen Jungen im besetzten Tibet als seine Wiedergeburt und damit als seinen Nachfolger bestimmen könnten. Er ist allerdings überzeugt, dass seine Landsleute das nicht akzeptieren würden. Ihnen versichert er: "Meine Wiedergeburt wird logischerweise außerhalb, in einem freien Land stattfinden." Schließlich sei der Sinn der Wiedergeburt, so Tenzin Gyatso, "jene Aufgabe zu erfüllen, die das alte Leben begonnen hat".

Nachrichten.at, 5.7.05:
Wird es wieder einen Nachfolger geben?
Was für einen Nachfolger wünscht sich der Dalai Lama?

Eigentlich will er vor seinem Lebensende zurück in ein freies Tibet gehen. Der Dalai-Lama würde dann zu Gunsten einer demokratisch gewählten Führung auf seine weltliche Macht verzichten. Tibet würde eine entmilitarisierte Zone, ein Paradiesstaat im Himalaja. Doch der Dalai-Lama weiß, dass sich dieser Traum wohl nicht mehr erfüllen wird. Im Machtkampf um Tibet arbeitet die Zeit für Peking.
Irgendwann wird der Dalai-Lama sterben und mit ihm das Gesicht des tibetischen Buddhismus vom Erdboden verschwinden. Was dann passiert, ist heute noch offen. Pekings KP-Führer könnten einen China-treuen "Marionetten-Lama" installieren, wie es 1995 nach dem Tod des Panchen-Lama geschah, dem zweithöchsten religiösen Führer der Tibeter. Pekings Führung wählte damals eigenmächtig einen ihr genehmen Buben zum neuen Panchen-Lama. Der eigentliche Gottjunge, damals vom Dalai-Lama und anderen hochrangigen Mönchen als Reinkarnation auserwählt, wird bis heute von China versteckt gehalten.
Er könne sich auch vorstellen, außerhalb von Tibet wiedergeboren zu werden, erklärte Tenzin Gyatso. "Der nächste Dalai-Lama könnte Inder, Europäer oder Afrikaner sein - sogar eine Frau. Der Körper zählt nichts." Wichtig sei, dass er oder sie als religiöser und weltlicher Führer von den Tibetern anerkannt wird.
Tenzin Gyatso schließt seit einiger Zeit auch nicht mehr aus, dass er der letzte Dalai-Lama sein könnte: "Wenn die Mehrheit der Tibeter das Gefühl bekommen sollte, dass die Institution des Dalai-Lama nicht mehr relevant sei, dann wird sie automatisch verschwinden."
Spekulation auf Machtvakuum
Egal wie die Nachfolgefrage gelöst wird, für den Freiheitskampf der Tibeter könnte der Tod des 14. Dalai-Lama zum Wendepunkt werden. Chinas Führer scheinen auf ein Machtvakuum nach Tenzin Gyatsos Tod zu spekulieren. Ein ausländischer Dalai-Lama wird nie das Charisma und die Autorität haben, die Tenzin Gyatso zu weltweiter Popularität verhalf. Selbst wenn es den Exiltibetern gelingt, sich mit Peking auf ein Gottkind zu einigen, wird es Jahre dauern, bis ein neuer Führer der Tibeter herangewachsen ist.
Im Grunde sieht die Zukunft der Tibeter mit jedem Jahr düsterer aus. Der Dalai-Lama kämpft trotzdem weiter für sein Volk - und lacht dabei auch noch. Wahrscheinlich macht das seine Faszination aus.

(http://www.nachrichten.at/politik/aussenpolitik/369673?PHPSESSID=9f6e404998ff31fc1154269320779fbb)

Offizielles Programm in Dharamsala, Nordindien:
His Holiness to Grace Tomorrow's Birthday Celebration

Dharamshala 5 July 2005: For the first time in a long time His Holiness the Dalai Lama will grace with his presence the ceremony of his birthday, celebrated every year with great fanfare by Tibetans across the globe.
"As a Buddhist monk, I do not celebrate my birthday. For me, every morning is like a birthday", His Holiness recently told a group of scientists who sang birthday songs to him during a conference in Gothenburg, Sweden.
However, in the wake of the worldwide Tibetan expression of gratitude for his leadership, conveyed through a series of programmes including mass prayers, exhibitions, book releases, et al, His Holiness will mark his presence at the official ceremony organised by the Central Tibetan Administration at Tsuglakhang tomorrow on the occasion of his 70th birthday.
Tomorrow's celebration begins at 6.30 a.m. with an incense burning ceremony at Lhagyal-Ri. The ceremony at Tsuglakhang will began at 8.50 a.m. TibetNet will webcast live (audio only) the whole event.
During the ceremony, Kalon Tripa and other dignitaries of the Central Tibetan Administration will make Mandala offering to His Holiness, followed by several book releases by His Holiness, including Mahatma Gandhi and His Holiness the Dalai Lama on Non-violence and Compassion, Souvenir: His Holiness the XIV Dalai Lama and a biography of Tulku Tenzin Delek.
His Holiness is also expected to address the gathering tomorrow along with Kalon Tripa Prof. Samdhong Rinpoche and Pema Jungney, chairman of the Assembly of Tibetan People's Deputies.
Tomorrow's programme also includes a host of cultural programs that will entertain the crowd throughout the day, and a photo exhibition, opening at 11 a.m. at the Tibet Museum, entitled Tribute to Peace Apostles, Mahatma Gandhi and His Holiness the Dalai Lama.


Sächsische Zeitung, 6.7.05:
„Tibet wird eines Tages frei sein"

Der Dalai Lama, Superstar und für viele der weiseste Mensch unserer Zeit, wird heute 70 Jahre alt. Ein Freund gratuliert.
Von Franz Alt*
In 40 Reporter-Jahren habe ich nie einen Menschen getroffen, der so lange so tief und so herzlich lacht wie „Seine Heiligkeit". Auf diese unter Tibetern für den Dalai Lama übliche Anrede angesprochen, lacht das politische und geistliche Oberhaupt Tibets schon wieder und fragt zurück: „Heiligkeit? Das ist doch Blödsinn. Ich bin ein einfacher Mönch."
Dabei hat dieser weise und mächtige Mann, der heute 70 Jahre alt wird, besonders viel Leid gesehen und erfahren. Mit zwei Jahren wurde er 1937 in Osttibet als wiedergeborener Dalai Lama von Mönchen erkannt. Das Kind Lhamo Dhundop wurde spirituell streng erzogen und schon mit fünf Jahren zum Dalai Lama inthronisiert. Der tibetische „Ozean der Weisheit" gilt bei Umfragen auch jedem dritten Deutschen als „der weiseste Mensch unserer Zeit".
1950 hat das kommunistische China das wehrlose Tibet militärisch besetzt. 1959 musste der Dalai Lama vor den chinesischen Machthabern fliehen. Über 100 000 Tibeter folgten ihm ins indische Exil. Seit 40 Jahren wirbt der „Papst des Ostens" weltweit für Tibets Freiheit – scheinbar vergeblich. Kürzlich trafen wir uns zum 21. Mal. „Ist Ihre Politik der Gewaltlosigkeit gescheitert?", frage ich ihn. „Geduld ist wichtiger als Gewalt, wenn man wirkliche Freiheit will.", sagt der Unbeirrbare, der 1989 den Friedensnobelpreis erhalten hat.
„Wir sind gekommen, um euch von den ausländischen Teufeln zu befreien", behaupteten Mao Tse-tungs Truppen, als sie 1950 Tibet besetzt hatten. Die Tibeter staunten über diese Argumentation, denn es lebten zu der Zeit in ganz Tibet nur sechs Ausländer, darunter die beiden österreichischen Bergsteiger Heinrich Harrer und Peter Aufschnaiter. Die Tibeter wussten 1950 also gar nicht, wovon sie befreit werden sollten. Doch diese „Befreiung auf Chinesisch" dauert nun schon über 55 Jahre!
Furcht vor der Ausrottung
Was die Chinesen „Befreiung" nennen, sieht in Wahrheit so aus: Eine junge Nonne, die wegen ihrer Forderung „Freiheit für Tibet" im Gefängnis saß und dort permanent vergewaltigt wurde, klagte weinend vor unserer Fernsehkamera: „Man brachte mich mit Handschellen zur Polizeiwache. Dort warf man mich auf den Boden, trat mir ins Gesicht und schlug mich mit einem elektrischen Vielstachel-Stock und trat mich in die Brust. Wir mussten uns ausziehen und drei oder vier Leute prügelten uns. Sieben oder acht Männer schlugen uns – immer wieder. Wir standen nackt da und man sagte uns, wenn wir gegen den Kommunismus agieren, dann werden wir hingerichtet." Ein Arzt, der anonym bleiben wollte: „Die Chinesen unterdrücken das tibetische Volk. Wenn uns die Welt nicht hilft, bleibt uns wenig Hoffnung."
Eine Frau, ihr kleines Kind auf dem Arm, sagte uns in Lhasa: „Wir Tibeter fürchten die Ausrottung unseres Volkes. Kein Mittel ist der chinesischen Politik zu brutal, um die Tibeter zur Minderheit im eigenen Land zu machen. Viele tibetische Frauen werden zur Abtreibung gezwungen." Tibeter nennen heute die chinesischen Geburtenkontrolle-Stationen „Schlachthöfe".
Tibet hatte bis 1950 alle Merkmale eines souveränen Staates: ethnische Identität, kulturelle und sprachliche Einheitlichkeit sowie das Bewusstsein, ein eigenständiges Volk zu sein. 95 Prozent der Tibeter empfinden bis heute so und wünschen, dass der Dalai Lama bald zurückkommt. Dies mag politisch naiv klingen. Und dennoch arbeitet die Zeit für diese „Naiven". Das Jahr 1989 hat uns diese Erkenntnis deutlicher als je zuvor vor Augen geführt. Die Zeit der Gewalt und Vergeltung kann überwunden werden von einer Zeit der Gewaltlosigkeit und Vergebung.
Was macht den Reiz des Buddhismus im Westen aus? Warum ist der Dalai Lama weltweit ein Superstar? „Wissenschaft ist wichtig – aber Weisheit ist wichtiger", sagte er einmal vor 2 000 Studenten in Tübingen, die ihm zujubelten. Ethische Reife, geistige Ruhe, intuitives Wissen – diese buddhistischen Werte, die auch mal im christlichen Abendland im Zentrum standen, sind heute im westlichen Rationalismus weitgehend verschüttet. „Aber Mitgefühl und Ethik sind für die Menschenwerdung unverzichtbar. Nur durch Mitgefühl können wir uns vom Leiden befreien", sagt der Dalai Lama.
Er ist der toleranteste aller heute lebenden Religionsführer. In der Schweiz, wo viele tibetische Flüchtlinge leben, fragte ich, ob es ihn störe, dass einige junge Tibeter zum christlichen Glauben übergetreten sind. Seine Antwort ist typisch für seine Toleranz: „Warum soll mich das stören? Wichtig ist doch nicht, welcher Religion ein Mensch angehört. Wichtig ist, dass er glücklich ist. Wenn junge Tibeter in der christlichen Schweiz zum Christentum übertreten und glücklich dabei sind, dann freue ich mich für sie und mit ihnen."
Zwei Dutzend Male war der Dalai Lama bisher in Deutschland. Aber noch nie wurde er von einem Kanzler oder Bundespräsidenten empfangen. Angst und Feigheit deutscher Spitzenpolitiker vor den Chinesen sind riesig. Geschäfte mit dem kommunistischen China sind allemal wichtiger als Menschenrechte in Tibet oder China.
Braucht China tatsächlich Waffen?
Was sagt der Dalai Lama zum Wunsch des Kanzlers, Waffen an China liefern zu können? „Braucht China tatsächlich Waffen? Mir ist nicht bekannt, dass das Riesenreich von irgendeinem Land angegriffen werden soll. Wenn ich für Waffenlieferungen wäre, müsste ich ja meinen Friedensnobelpreis zurückgeben – und das will ich nicht", sagt er milde und lacht wieder.
Wenn Lachen gesund ist, haben Chinas Herrscher noch lange einen zwar friedlichen, aber sehr klugen Gegenspieler. „Eines Tages", sagte er mir vor wenigen Tagen, „wird Tibet frei sein". Und er lächelt wieder. Auf ein langes Leben, lieber Freund!
*Franz Alt, 66, ist TV-Journalist und Bestsellerautor (u. a. „Frieden ist möglich"). Mit Helfried Weyer veröffentlichte er „Tibet – weites Land zwischen Himmel und Erde" (Koehlers Verlagsgesellschaft).


Neue Zürcher zeitung, 6.7.05:
«Ich bin nur ein einfacher buddhistischer Mönch»

Zum 70. Geburtstag des Dalai Lama
Das geistliche Oberhaupt des Lamaismus und weltliche Oberhaupt der Exil-Tibeter feiert am Mittwoch seinen siebzigsten Geburtstag. Der Dalai Lama nützt den Wirbel um seine Person, um auf die ungelöste Tibet-Frage aufmerksam zu machen. Sein Bekenntnis zur Gewaltlosigkeit und für friedliche Konfliktlösungen haben ihm den Nobelpreis eingebracht.
von Isabelle Imhof
Am 6. Juli 1935 wurde im tibetischen Dorf Taktser der Bauernsohn Lhamo Thondup geboren. Zwei Jahre später erkannten Mönche in dem kleinen Jungen die Reinkarnation des 13. Dalai Lama, der im Jahr 1933 verschieden war. Er erhielt den Mönchsnamen Tenzin Gyatso und wurde mit religiösen Unterweisungen auf seine künftige Aufgabe vorbereitet. Am 22. Februar 1940 erfolgte in der tibetischen Hauptstadt Llasa seine Inthronisierung als 14. Dalai Lama (wörtlich «Höchster des Ozeans des Wissens »). Fortan gilt er als Verkörperung des Bodhisattva (Buddha)Avalokiteshvara und ist das geistliche Oberhaupt des Lamaismus (siehe Link).
«Ich bin nur ein einfacher buddhistischer Mönch, nicht mehr und nicht weniger» soll der Dalai Lama seine Aufgabe in dieser Welt umschreiben. «His holiness», seine Heiligkeit, ist jedoch für die meisten Tibeter Hoffnungsträger und Identifikationsfigur zugleich. Seine religiösen Studien setzte er während vieler Jahre in zahlreichen tibetischen Klöstern fort. Erst 1959, dem Jahr seiner Flucht aus dem von China besetzten Tibet, schloss er als Geshe Llarampa ab. Dieser Titel entspricht einem Doktorat der buddhistischen Philosophie.
Gewaltlosigkeit als Konzept
Tenzin Gyatso ist jedoch nicht nur Religionsführer, er leitet vom indischen Dharamsala aus auch die tibetische Exilregierung. Zwar bekennt sich der Mahatma-Gandhi-Verehrer immer wieder zu Gewaltlosigkeit in der Tibet-Frage, doch bleibt er ein unermüdlicher Verfechter der Unabhängigkeit des Hochlandstaates. Selbstbewusst forderte er 1987 vor dem amerikanischen Kongress die Errichtung einer Friedenszone in Tibet und forderte China zu Gesprächen auf.
Zwei Jahre später erhielt der 14. Dalai Lama den Friedensnobelpreis. Er habe, begründete das Komitee, mit seiner alles-umfassenden Friedensphilosophie konstruktive Lösungsvorschläge für internationale Konflikte, die Erhaltung der Menschenrechte sowie für einen globalen Umweltschutz geschaffen.
Bisher ist es dem tibetischen Oberhaupt nicht gelungen, China zu einem Einlenken zu bewegen. Es haben zwar Gespräche stattgefunden, doch die gegenwärtige Siedlungspolitik macht deutlich, das Tibet in der nächsten Zeit kaum grössere Autonomie geniessen wird.
Besuch in der Schweiz
Durch seine charismatischen Auftritte in fast fünfzig Ländern und zahlreiche Bücher hat der Dalai Lama vor allem im Westen zahlreiche Anhänger gefunden. Seine öffentlichen Vorträge sind meistens ausgebucht. Vom 5. bis zum 12. August wird er im Zürcher Hallenstadion «über den Weg, der die Leid schaffenden Emotionen überwindet» unterweisen.
Am 2. August wird der Dalai Lama das Kloster Einsiedeln besuchen. Nachmittags findet in der Klosterkirche eine interreligiöse Begegnung statt, wo um den Frieden in der Welt gebetet wird. Danach trifft die tibetische Delegation die in Einsiedeln tätigen Benediktinermönche zum Gespräch.

Kölner Stadt-Anzeiger, 6.7.05:
Der Lehrer des Weltmeeres
von Klemens Ludwig

Seine Botschaft von Toleranz und Friedfertigkeit beeindruckt viele, irritiert jedoch auch im politischen Kampf um Tibet.
So kennt ihn die Welt, so schätzt und verehrt sie ihn: Klein, lebendig und überaus sanftmütig gilt der Dalai Lama als die Verkörperung von Weisheit und Friedfertigkeit. Überall wollen die Menschen seine Botschaft von Toleranz, Mitgefühl und Frieden hören. Tausende strömen zusammen, wenn er spricht, seine Bücher und Fernsehauftritte bekommen große Aufmerksamkeit. Mit seinem entwaffnenden Lächeln und seinem herzlichen, bisweilen sehr lauten Lachen steckt er alle an. Nie erscheint er müde oder abgespannt, und ungeachtet der Zerstörung der tibetischen Kultur durch die Volksrepublik China hat er seinen Optimismus nicht verloren.
Als das Allensbacher Institut kürzlich ermitteln wollte, wen die Deutschen für den weisesten lebenden Menschen auf Erden halten, lag der Dalai Lama mit einem Drittel der Nennungen weit vor dem inzwischen verstorbenen Papst Johannes Paul II., Südafrikas Freiheitshelden Nelson Mandela und UN-Generalsekretär Kofi Annan. Und diese Bewunderung wird ihm nicht nur in Deutschland zuteil.
Der so Geschätzte wurde am 6. Juli 1935 als Sohn einer Bauernfamilie in Takster in der nordosttibetischen Provinz Amdo geboren, doch die Institution, die er verkörpert, geht ins 16. Jahrhundert zurück. „Lehrer des Weltmeeres" oder „Ozean des Wissens" bedeutet sein Titel. Das Amt basiert auf der Lehre von der Wiedergeburt, und sie ist für eine westlich-rationale Weltsicht schwer nachvollziehbar. Nach tibetisch-buddhistischer Tradition hinterlässt ein Dalai Lama bei seinem Tod Hinweise darauf, wo er sich erneut inkarniert. Es ist die Aufgabe hoher Würdenträger, ihn mit Hilfe von Orakeln, Trancen und Träumen ausfindig zu machen. Dieses Verfahren verhindert, dass eine Herrscherdynastie lange die Macht ausübt. 12 der bisherigen 14 Inkarnationen stammen aus einfachen Verhältnissen fern der Hauptstadt.
Lange bemühte sich der Dalai Lama um eine friedliche Koexistenz mit den Chinesen. Zudem setzte er sich mit Nachdruck für die Modernisierung des Landes ein. 1954 nahm er eine Einladung nach China an, wo er mehrfach mit Mao und anderen kommunistischen Führern zusammentraf. Bei den Gesprächen gelang es ihm aber nicht, seinen Gegenüber von der ablehnenden Haltung gegenüber der Religion abzubringen. „Religion ist Opium des Volkes", gab Mao ihm mit auf den Weg. Für einen zutiefst religiösen Mann wie den Dalai Lama war das ein Schlag ins Gesicht, denn er hatte zuvor versucht, dem Großen Vorsitzenden verständlich zu machen, dass sich Religion und Modernisierung nicht ausschließen. „Als er mich so verabschiedete, war mir klar, ich hatte nichts erreicht", resümierte er später.
So blieb ihm letztlich nur die Flucht nach Indien, wo er in Dharamsala im nordwestlichen Himalaya eine neue Heimat gefunden hat. Schon früh am Morgen formt sich ein wachsender Pilgerstrom durch die engen Gassen des Ortsteils McLoed Ganj zum zentralen Tempel. Um der Tradition treu zu bleiben, haben die Tibeter einen Ritualweg um den Komplex herum angelegt. Zudem haben die wichtigsten buddhistischen Schulen und das Nationaltheater hier ihren Sitz.
Für den Dalai Lama beginnt der Tag um 4.30 Uhr mit einer Meditation, und er ist bestimmt von Audienzen und Interviews. Journalisten und Tibetfreunde aus aller Welt warten ebenso wie zahllose Tibeter. Mit schier unermesslicher Geduld und Aufmerksamkeit gibt er auch noch nach zehn Stunden jedem einzelnen Besucher das Gefühl, dass er sich nur auf ihn einlässt. Diese Präsenz ist zweifellos ein Geheimnis seiner Ausstrahlung. Selbst wenn er vor Tausenden spricht, fühlt sich fast jeder persönlich angesprochen.
In seiner knappen freien Zeit kultiviert er einige Hobbys aus seiner Jugend. Damals hat ihn vor allem die Technik interessiert, die für das alte Tibet etwas Neues war. Als ein reicher Tibeter in den späten dreißiger Jahren ein Auto aus Indien zerlegt über den Himalaya nach Tibet einführte, gab es zunächst einen gesellschaftlichen Skandal. Dann bestand der junge Dalai Lama darauf, in dem Auto fahren zu dürfen. Er überlebte, und seitdem ist das Autofahren in Tibet salonfähig.
Von seiner Technik-Begeisterung ist eine kleine Uhrenwerkstatt übrig geblieben: „Uhren haben es mir schon immer angetan. Ich liebe die Feinmechanik, und manchmal kann ich sogar selbst eine reparieren", erzählt er. Neben den Uhren faszinieren ihn Blumen, vor allem Orchideen. In seiner Residenz gibt es ein Blumenhaus, das auch seiner Entspannung dient. Er liebt es, durch die Gänge zu wandeln und die Blumen mit den Sinnen wahrzunehmen: zu riechen, zu fühlen, zu sehen und bisweilen sogar zu schmecken.
Doch für Hobbys bleibt wenig Raum. Der Dalai Lama sieht sich in erster Linie als buddhistischer Mönch, und als solcher ist sein Wissensdurst nahezu unerschöpflich. Über religiös-philosophische Fragen kann er stundenlang reden, während ihn die Politik schneller ermüdet. Weil es aber um die Freiheit Tibets geht, stellt er sich ihr. Die etwa sechs Millionen Tibeter sind eines der letzten größeren Völker, denen das Recht auf Selbstbestimmung vorenthalten wird. Wenn die Staatengemeinschaft dennoch Tibet als Teil Chinas anerkennt, geschieht dies mit Rücksichtnahme auf die mächtige Volksrepublik. So wird der Dalai Lama immer nur als religiöses Oberhaupt empfangen, nicht als politisches.
Das tibetische Oberhaupt fordert längst nicht mehr die Unabhängigkeit, um Verhandlungen mit Peking zu ermöglichen. Und seine Strategie löst zusehends auch Kritik und Irritationen aus. Häufig wird der Dalai Lama mit Mahatma Gandhi verglichen, doch ihre Vorgehensweise unterscheidet sich grundlegend. Als der Tibetische Jugendkongress im März 2004 vor dem UN-Hauptquartier in New York einen unbefristeten Hungerstreik begann, wurde er vom Dalai Lama heftig kritisiert; ein solches Mittel sei Gewalt gegen sich selbst. Nach dieser Definition wäre Gandhi sehr gewalttätig gewesen.
Der Verzicht auf jedwede Provokation und der Versuch, möglichst viele Menschen zu erreichen, lassen sich nur aus dem Selbstverständnis des Dalai Lamas als buddhistischer Mönch erklären. Als solcher ist er dem Wohlergehen aller verpflichtet, letztlich dem der Chinesen ebenso wie dem der Tibeter; dem der Nichtbuddhisten wie dem der Buddhisten. Das ist auch für junge Tibeter schwer nachzuvollziehen und politisch nicht immer klug. Für seine abendländischen Bewunderer liegt aber darin die Faszination. Der Dalai Lama gibt dem spirituell ausgehungerten Westen einen Sinn - und das in verständlicher Form.
Die chinesische Führung honoriert das Entgegenkommen des Dalai Lama nicht. Stereotyp erklärt sie, er müsse Tibet als integralen Bestandteil Chinas anerkennen, bevor substanzielle Gespräche möglich seien. Die ausbleibenden politischen Erfolge haben den Dalai Lama aber nicht verbittert. Unerschütterlich predigt er Versöhnung mit den Chinesen und betrachtet Gewaltlosigkeit als einzigen Weg zu einer Lösung. Dieses Engagement hat ihm zahlreiche internationale Ehrungen eingebracht, darunter 1989 den Friedensnobelpreis.
Wie alle Tibeter hat auch der Dalai Lama das große Bedürfnis, einmal in eine freie Heimat zurückzukehren, „aber", so ergänzt er lächelnd, „als buddhistischer Mönch lernt man, seine Bedürfnisse loszulassen".
Klemens Ludwig ist Autor und Publizist und hat mehrere Bücher über Tibet veröffentlicht.


5. Der Tagesspiegel, 6.7.05:
Dalai Lama: Waffenhandel ist vergeudetes Geld

Der Friedensnobelpreisträger kritisiert, dass Schröder Embargo gegen China aufheben will
Wie viele politische Gefangene gibt es in Tibet?
In China ist alles Staatsgeheimnis. Freie Information gibt es nicht. Wir wissen von mindestens 200 politischen Gefangenen. Aber in Wirklichkeit gibt es viel mehr.
Sie bezeichnen Chinas Politik in Tibet als „kulturellen Völkermord". Über eine Million Tibeter haben durch Chinas Besetzung seit 1959 ihr Leben verloren. Wie ist heute die Menschenrechtssituation in Tibet?
Materiell hat es Verbesserungen gegeben und Chinas Regierung kooperiert scheinbar liberaler. In Wirklichkeit gibt es noch immer politische Unterdrückung. Menschen werden ins Gefängnis gesteckt, weil sie Freiheit für Tibet fordern. Wir wissen auch, dass politische Gefangene gefoltert werden.
In Lhasa, der Hauptstadt Tibets, habe ich auf den Straßen schon mehr Chinesen als Tibeter gesehen. Fürchten Sie eine Überfremdung Ihrer Heimat?
Nicht nur in Lhasa, sondern in vielen Städten leben schon mehr als zwei Drittel Chinesen und bereits weniger als ein Drittel Tibeter. Wir sind eine Minderheit im eigenen Land. In vielen Dörfern allerdings leben überhaupt keine Chinesen.
Was ist der tiefste Grund für Ihre Politik der Gewaltfreiheit?
Ganz einfach – das gewaltfreie Vorgehen ist realistischer als Gewalt. Dialoge sind wichtiger und besser als Gewalt. Würde ich Gewalt vorziehen, müsste ich ja meinen Friedensnobelpreis wieder zurückgeben. Das wäre doch schade – oder? (lacht lange und herzlich)
Viele Tibeter sagen, der Dalai Lama soll zurückkommen. Ihre Autorität in Tibet scheint nach wie vor ungebrochen – nach 46 Jahren im indischen Exil. Hoffen sie noch auf eine Rückkehr?
Aus heutiger Sicht scheint die Lage in Tibet hoffnungslos. Aber global gab es in unserer Zeit große positive Veränderungen – gerade bei Ihnen in Europa. Wir beobachten diese Veränderungen ja schon seit über 20 Jahren. Ich hoffe noch immer auf positive Veränderungen in Tibet. Eines Tages werden wir friedlich mit den Chinesen zusammenleben können und Tibet wird frei sein.
Der deutsche Bundeskanzler will das Waffenembargo der EU gegenüber China aufheben. Wie finden Sie das?
Ich bin grundsätzlich gegen Waffenhandel. Das große China wird doch von niemandem bedroht – oder? Waffenhandel, das ist vergeudetes Geld. Also: Waffen – wozu?. Ich bin ein einfacher Mönch und möchte dem Frieden dienen.
Sie waren über zwanzig Mal in Deutschland. Sind Sie enttäuscht, dass – aus Angst und Feigheit vor den Chinesen – bisher weder ein deutscher Bundeskanzler noch ein deutscher Bundespräsident bereit war, Sie zu empfangen?
Ich möchte niemand Unannehmlichkeiten bereiten. Wenn gewisse Politiker Schwierigkeiten haben, mich zu treffen und sich über Tibet informieren zu lassen, dann respektiere ich das. Andererseits freue ich mich natürlich sehr, dass viele Politiker sich für Tibets Schicksal interessieren.
Der Dalai Lama ist das geistliche und weltliche Oberhaupt der Tibeter. Er lebt seit 46 Jahren in Indien im Exil. Das Gespräch führte Franz Alt.


6. sat1.online, 6.7.05:
Dalai Lama: Die Hoffnung stirbt zuletzt

Der Dalai Lama wird 70 Jahre alt. Sein Ziel, Tibet gewaltlos von der chinesischen Herrschaft zu befreien, hat er niemals aufgegeben
Von Can Merey, Neu Delhi
Seit Jahrzehnten predigt er Gewaltlosigkeit und Toleranz, obwohl sein Volk unterdrückt wird. Meist lächelt er, auch wenn sein eigenes Schicksal wenig Grund dafür bietet. Seine Weisheit und seine Freundlichkeit haben Tenzin Gyatso, besser bekannt als der 14. Dalai Lama, weltweit bekannt und beliebt gemacht. Am Mittwoch wird das geistliche und weltliche Oberhaupt der Tibeter 70 Jahre alt. Trotz seines selbstlosen Engagements, trotz seiner weltweit vorgetragenen Bitten um Unterstützung für die Sache der Tibeter: Von seinem Ziel, das Leid seines Volkes zu beenden, scheint der Friedensnobelpreisträger von 1989 weit entfernt.
Zwei Jahre nach dem Tod des 13. Dalai Lama 1933 beginnt gemäß dem Glauben der tibetischen Buddhisten die Suche nach seiner Wiedergeburt. Ein Suchtrupp stößt auf Lhamo Dhondup, den Sohn einer Bauernfamilie. Im Februar 1940, im Alter von vier Jahren, wird er unter dem Namen Tenzin Gyatso als Dalai Lama ("Ozean der Weisheit") inthronisiert. Rund zehn Jahre später beginnt die chinesische Invasion Tibets - das die Volksarmee bis heute besetzt hält. 1959 schließlich flieht der Dalai Lama aus seiner Heimat im Himalaja, Indien gewährt ihm Asyl.
Schwere Menschenrechtsverletzungen
Seitdem ist der Dalai Lama nicht ein einziges Mal nach Tibet zurückgekehrt. Er lebt - wie mehr als 100.000 tibetische Flüchtlinge - im nordindischen Dharamsala, dem Sitz der von keinem Staat der Welt anerkannten tibetischen Exilregierung. Hilflos muss er seit seiner Flucht mit ansehen, was in der Heimat geschieht: Allein während der chinesischen Kulturrevolution seien 6000 Klöster zerstört worden, klagt die Exilregierung. Die Siedlungspolitik habe dazu geführt, dass inzwischen mehr Chinesen als Tibeter in Tibet lebten, von letzteren 70 Prozent unterhalb der Armutsgrenze.
"Es ist ein Fehler zu glauben, dass das Schlimmste vorüber ist", meint die Exilregierung. "Das Schicksal der einzigartigen nationalen, kulturellen und religiösen Identität Tibets ist heuteernsthaft bedroht." Immer noch komme es zu schweren Menschenrechtsverletzungen, Tibeter würden willkürlich festgenommen, selbst gegen Kinder gingen die Chinesen vor. Sorge dürfte manchen Tibetern auch bereiten, dass sich Indien und China immer mehr annähern. Nepal schloss vor kurzem bereits das Büro des Dalai Lama in Kathmandu - nach Ansicht von Exil-Tibetern "zu 100 Prozent" unter dem Druck Chinas.
Für eine gewaltfreie Lösung
Trotz des Unrechts, das den Tibetern widerfährt, ruft der Dalai Lama seine Landsleute immer wieder dazu auf, nicht mit Gewalt zu reagieren - der einzige Weg zur Lösung des Konflikts sei der des Dialogs, meint er. Schon lange hat der Dalai Lama sich von der Forderung nach Unabhängigkeit verabschiedet, stattdessen bittet er um Autonomie innerhalb der Volksrepublik - und um die Erlaubnis, in seine Heimat zurückkehren zu dürfen.
Doch nicht alle Tibeter teilen den moderaten Ansatz ihres Oberhauptes. Immer wieder gibt es Stimmen, die sich für gewaltsamen Widerstand gegen die Besatzer aussprechen. Spätestens mit dem Tod des Dalai Lamas wird seine einflussreiche, mäßigende Stimme verstummen. Das werde ein "schwerer Rückschlag" für die Tibeter werden, sagte er selber vor knapp zwei Jahren in einem Interview.
Wiedergeburt in einem freien Land
Der Dalai Lama sorgt sich, dass die Chinesen einen Jungen im besetzten Tibet als seine Wiedergeburt und damit als seinen Nachfolger bestimmen könnten. Er ist allerdings überzeugt, dass seine Landsleute das nicht akzeptieren würden. Ihnen versichert er: "Meine Wiedergeburt wird logischerweise außerhalb, in einem freien Land stattfinden." Schließlich sei der Sinn der Wiedergeburt, so Tenzin Gyatso, "jene Aufgabe zu erfüllen, die das alte Leben begonnen hat". (dpa)

(http://www.sat1.de/nachrichten/politik/feed/n/2/0/0/5/0/7/0/6/0/7/5/0/1/6/0/0/0/0/2/)



Kleine Zeitung on-line, 6.7.05:
Dalai Lama kündigt zum 70. Geburtstag Rückzug an

Mit der Ankündigung, sich allmählich aus der aktiven Politik zurückzuziehen, hat der Dalai Lama am Mittwoch im indischen Exil seinen 70. Geburtstag gefeiert. In einer Rede vor Tausenden von geflüchteten Landsleuten in Dharamsala betraute das mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnete geistliche und weltliche Oberhaupt Tibets die Politiker des Exilparlaments mit der Fortsetzung des Kampfes für Autonomie.
Zum Auftakt dreitägiger Zeremonien präsentierte der 14. Dalai Lama, Tenzin Gyatso, ein Buch über den indischen Unabhängigkeitshelden Mahatma Gandhi. Ein Sprecher verwies auf Gandhis Konzept vom gewaltlosen Widerstand, das sich der Dalai Lama zum Vorbild nehme.
Chinas kommunistische "Volksbefreiungsarmee" war 1950/51 in Tibet einmarschiert. Bei der Niederschlagung des tibetischen Volksaufstands durch die Chinesen waren 1959 Zehntausende ums Leben gekommen. Der Dalai Lama lebt seither im Exil. Er wirft Peking schwerste Menschenrechtsverstöße in seiner Heimat vor, unter anderem Zwangsabtreibungen und Zwangssterilisationen, sowie "kulturellen Völkermord" durch massiven Bevölkerungstransfer, stellt sich aber gegen die Forderungen von Nationalisten nach voller staatlicher Unabhängigkeit Tibets.
In seiner Geburtstagsansprache rief der Dalai Lama zu "innerem Frieden und Mitgefühl" auf. "Mein Volk setzt Hoffnung und Vertrauen in mich, aber da eine gewählte politische Führung existiert, versuche ich mich zunehmend aus der Politik zurückzuziehen", sagte er. Es sei besser für das tibetische Volk, wenn er die aktive Politik den gewählten Volksvertretern überlasse, meinte er. Er verlangte "mehr Geduld und mehr Entschlossenheit" der Tibeter bei den Verhandlungen mit Peking und zeigte sich zuversichtlich, dass es noch zu seinen Lebzeiten zu einer Einigung kommen werde.
Dharamsala (APA/ag.)
(http://www.kleine.co.at/nachrichten/politik/artikel/_708600/index.jsp)


Vienna on-line, 6.7.05:
Es gärt unter den Tibetern - Der Dalai Lama wird 70.
Eigentlich feiern die Tibeter gar nicht Geburtstag. "Das ist mehr westliche Sitte", sagt der Mönch Helmut Gassner. „Neujahr ist ihr besonderer Tag, an dem sie sich alle ein Jahr älter fühlen."
Gassner ist Mönch. Und am Mittwoch alleine im buddhistischen Kloster Letzehof ob Frastanz. „Die anderen sind alle nach Mont Pelerin bei Genf gegangen." Am Mittwoch werden sie ein Ritual feiern zu Ehren des XIV. Dalai Lama. Wenn ein Gott Geburtstag hat, kann man schon mal eine Ausnahme machen.
Das Mitgefühl
Zwar betont der Dalai Lama ein ums andere Mal, dass er sich als „einfacher Mönch" versteht, aber bei vielen Tibetern genießt er göttlichen Status. Als „Erleuchtungswesen" verkörpert er das Mitgefühl schlechthin. In letzter Zeit allerdings etwas zu viel davon, könnte man die wachsende Unruhe junger Tibeter salopp interpretieren.
Als eine Hongkonger Zeitung vor kurzem den Dalai Lama mit dem Satz zitiert hat, er stimme zu, Tibet sei integraler Bestandteil von China, war der Aufschrei so laut, dass die tibetische Exilregierung im Internet () rasch beschwichtigte. Seine Heiligkeit habe das so nicht gemeint. Seit der Dalai Lama im September 1987 seinen fünf-Punkte-Friedensplan verkündet hat, schwindet die Hoffnung auf ein freies Tibet Tag für Tag.
Zerfallserscheinung
Gassner hat ihn von 1979 bis 1995 immer wieder begleitet und für den Dalai Lama übersetzt. „Ich kenne seine Umgebung." Dort macht sich, sagen Vertraute, allmählich eine „Rette sich wer kann"-Stimmung breit. Denn wenn der Dali Lama eines Tages sterben sollte, werden Jahre vergehen, bis seine Reinkarnation gefunden und vom Kind zum Mann gereift ist.
Die Chinesen aber werden unter Umständen dasselbe Spiel wie schon beim Stellvertreter des Dalai Lama spielen: Sie werden eine eigene Reinkarnation ins Rennen schicken.
Nach Schätzungen der tibetischen Exilregierung leben im ursprünglichen Tibet heute rund sechs Millionen Tibeter und etwa 7,5 Millionen Chinesen. Auch deshalb bittet der Dali Lama anlässlich seines Geburtstages die chinesische Führung ein weiteres Mal, höflich und devot, die Politik der Bevölkerungsumsiedlungen aufzugeben.
Denn gewalttätige Lösungen kommen für ihn nie und nimmer in Frage. Für diese konsequente Haltung wurde dem Dalai Lama am 5. Oktober 1989 der Friedensnobelpreis verliehen.
Die Hoffnung auf Tibet ist gleich null. Dafür ist er, dessen Titel „Ozean des Wissens" bedeutet, längst zu einer Popikone des Westens geworden.
Vom 5. bis 13. August wird der Dalai Lama in Zürich Unterweisungen erteilen. Zehntausende werden erwartet.

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