TIBET INITIATIVE DEUTSCHLAND e.V.

Tibetan Refugee Center -neue Informationen

04. Mai 2005 + 13. Mai 2005

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Neues über die Lage in Kathmandu

hier nach ein Mail meiner Freundin Martina, die seit 3 Jahren als Psychiaterin für eine NGO  in Kathmandu lebt.
Sie ist viel im Außendienst und weiß wohl besser über die Situation in Nepal bescheid als viele Einheimische
oder etwa Touristen. Ich denke, es wird Sie interessieren.

Kathmandu, 13. Mai 2005

Liebe Freunde

Es wird Zeit für einen neuen Lagebericht. Nachdem ich euch im Februar von der Unsicherheit, wie es hier weitergeht, geschrieben habe, treffen hier immer wieder Fragen ein zwischen den Extremen: Ob es jetzt wieder friedlich ist? (weil Nepal offenbar zu klein und unbedeutend ist für internationale Nachrichten) oder ob ich jetzt bald ausreisen müsse, weil alles den Bach runter geht.

Zuerst zum unerfreulichen Teil. Nach der königlichen Machtübernahme hat der Krieg definitiv eine neue Stufe der Eskalation erreicht mit wochenlangen Strassenblockaden der Maoisten (und ausgebrannten Autos/ Bussen, verstümmelten Fahrern, wenn sie nicht beachtet wurden), Erschiessungen durch die Armee (z.B. 6 Schuljungen auf dem Land, die am Frühlingsfest Holi auf der Strasse spielten (Versammlungsverbot) – solche Meldungen erscheinen auch hier nicht mehr in den Nachrichten. Oder in die Menge schiessen bei Studenten-Demos, Luftangriffe in den Wäldern im äusseren Westen, usw.), in manchen Gegenden (im Süden) Gegenrevolutionäre, sog. Vigilantes (ethnische Konflikte scheinen da auch mit reinzuspielen), mit Aufständen und Toten.

In Kathmandu wirkt es friedlicher als vorher, weil Proteste verboten sind und rigoros unterdrückt werden, Es sitzen noch immer Hunderte politischer Führer im Gefängnis, neuerdings auch der letzte Premierminister Deuba. Gleichzeitig hört man hier aber auch nicht wenige positive Stimmen: „Der König wird’s schon richten“.

Der Ausnahmezustand ist seit ca. 1 Woche aufgehoben, nicht jedoch die Einschränkungen, die damit verbunden waren: Weiterhin keine Versammlungsfreiheit, Zeitungen sind zensiert, FM-Radios dürfen keine Nachrichten senden, jede Äusserung gegen den König und seine Regierung ist bei Gefängnisstrafe verboten (sie können sicher kein deutsch – Telefon und
e-mails werden abgehört). Und dabei sieht’s im Alltag alles so normal aus, sogar wenn man übers Land fährt.

Frieden ist nicht in Sicht, die Armeeführung hat angekündigt, dass sie den Konflikt jetzt mit militärischen Mitteln lösen.

 Kann man noch trecken gehen? Ja, wenn man aufpasst, wann und wo man hingeht. Direkt im Februar war es nicht anzuraten, jetzt... Trotz allem sind wir mit unserem Team auch noch im Land unterwegs, im März in 10 Distrikten westlich von Kathmandu (Mitte Nepals, um Pokhara), genau zwischen zwei Blockaden.

Vielleicht habt ihr von den beiden russischen Touristen gehört, die kurz danach in ihrem Kleinbus auf dem Weg zum Everest-Trecking (Osten Nepals) erschossen wurden: Sie sind während einer Blockade nach Jiri gefahren, zweimal grob fahrlässig: Es gibt immer noch Urlauber, die meinen: Blockade, Bandh, „das gilt doch nicht für Touristen“. Und von Jiri nach Lukla zu laufen ist seit 2 Jahren extrem unsicher! Man kann nach Lukla fliegen und zum Everest laufen, im Moment scheint das der sicherste Treck zu sein, sogar möglich während Blockaden (weil man nicht fahren muss). Anapurna-Gebiet? Unten maoistenkontrolliert, ich müsste mit unserem Security-Officer reden, wenn es um den Circuit geht. Sobald man weiter oben ist, ist man sicher (d.h. nach Jomsom fliegen, nach Muktinath laufen, oder nach Manang fliegen – soll schön sein). „Off the beaten treck“, Schlagwort immer noch einiger Touris in Pokhara, ist sicher nicht anzuraten (wobei da aber sowieso auch alles „beaten treck“ ist in der Gegend...). Langtang geht, wenn man sich auf Begegnung mit Maoisten einstellt (Rat: Nicht diskutieren, zahlen, denn man bringt vor allem seine nepalischen Guides und Träger in Gefahr, wenn man nicht kooperiert). Je abgelegener desto problematischer, vor allem da wo Wald und/ oder Dörfer sind.

Treckingführer haben Angst um ihre wenigen noch verbliebenen Kunden und sind verständlicherweise sehr vorsichtig oder auch unklar mit ihren Aussagen. Wenn ich in Pokhara im Hotel sitze, erzählen sie mir manchmal auf Nepali von ihren wirklichen Erfahrungen und Befürchtungen – das klingt dann deutlich anders als die englische Version für ihre Kunden.

Wie lange ich selbst noch hier sein kann, ist unsicher. Nicht wegen der politischen Lage, sondern dem Visum. Es gibt seit Februar neue Regelungen der Regierung, man könnte den Eindruck kriegen, sie wollen keine Ausländer mehr hier beschäftigt haben. Für unsere kleine Organisation CMC wäre das eine Katastrophe.

Ganz herzliche Grüsse, Martina

Bericht aus Kathmandu im April 2005
von Siegfried Möglich
 
Kathmandu / Nepal
In Kathmandu selbst war die Stimmung recht ruhig. Selbst zum nepalischen Neujahr, bei dem ja naturgemäß viele Menschen auf den Straßen sind, war die allgemeine Stimmung recht ausgelassen. Nicht zu übersehen war allerdings auch, dass mehr noch als sonst vor allem Polizei unterwegs war und diese sich auch bei größeren Menschenansammlungen in die Menge gedrängt haben, teilweise auch mit schusssicheren Westen geschützt. Ich konnte auch einige hitzige Diskussionen beobachten, die sich aber dann verliefen.
Die Menschen, mit denen ich in Kathmandu gesprochen habe, haben durchweg deutlich und offen zum Ausdruck gebracht, dass sie mit dem Schritt des Königs, dass Parlament zu entmachten, nicht einverstanden sind. Gleichzeitig wurde aber auch vielfach betont, dass die Mitglieder des Parlaments über die vergangenen Jahre auch nichts verändert hätten. Typisch Politiker, reden viel, kassieren ihre Gehälter aber passieren tut nichts, war im Tenor dass, was ich gehört habe. Das der König unrechtmäßig die Macht an sich gerissen hat, wurde durchweg klar ausgedrückt, es wurde aber auch klar festgestellt, dass etwas passieren musste um das Land vor dem entgültigen Untergang zu retten und das dies nicht von den Politikern getan werden würde.
Viele Nepali nehmen wohl war, dass in der jetzigen Situation einiges sich deutlich verändert hat. Z.B. gibt es für die Ausstellung amtlicher Papiere keine Wartezeit von 3-4 Wochen mehr. Auch ohne 'finanzielle Zuwendung' an den zuständigen Beamten werden die Unterlagen innerhalb von 2-3h ausgehändigt. Überhaupt scheint es, als würden die Verwaltungen deutlich zügiger arbeiten als das früher der Fall war. Im Kathmandu Tal selbst gibt es keine Streiks mehr, auch das wird begrüßt.
In der Zeit meines Besuches in KTM waren allerdings die großen Straßen nach KTM von den Maoisten blockiert. Dass das ganze Mobilfunknetz abgeschaltet wurde und alle neuen Anträge auf eine Nähe zu den Maoisten überprüft werden, um ihnen eine Kommunikationsmöglichkeit zu nehmen, wird klaglos akzeptiert. Gleichzeitig ist es aber wohl so, dass die Armee deutlich entschiedener gegen die Maoisten vorgeht. Die Folge ist dadurch, das viele Nepali in das Kathmandutal kommen, weil sie sich hier sicherer fühlen.
Für mich überraschend ist als Fazit durchaus, das die Menschen mit denen ich sprechen konnte, den Schritt des Königs als unrechtmäßig ansehen, gleichzeitig aber ausdrücken, dass es gut ist, das gehandelt wird und dass sie erwarten, dass der König sich an seine Aussage hält, innerhalb der nächsten 3 Jahre die Demokratie in Nepal wieder einzuführen.
In dieser Zeit konnte ich auch wieder das Tibetan Refugee Camp besuchen. Mit zu diesem Zeitpunkt 726 Tibetern ist das Camp gut ausgelastet. Gerade zur Zeit meines Besuches war ein Bus mit ca. 45 Tibetern zur Abfahrt nach Indien bereit. Die konnte aber dann nicht stattfinden, weil die Straßen aus KTM heraus durch die Maoisten blockiert waren. Das Büro des Repräsentanten SH in KTM wurde ja vor einiger Zeit geschlossen.
Der Vertreter Nach einem kurzen Besuch in Dharamsala ist er wieder als Privatperson nach KTM zurückgekehrt. Das Büro darf nach wie vor nicht geöffnet werden. Es darf kein offizieller Briefbogen verwendet werden, alles schriftliche, geschieht wenn überhaupt auf Blankopapier. Tibeter mit nepalischer Staatsangehörigkeit versuchen jetzt eine "Tibetan Wellfare Society" zu gründen und in diesem Rahmen dem Repräsentanten SH einen offizielle Präsenz zu geben.
Für das Tibetan Refugee Camp ist das größte Problem zur Zeit, dass das Bankkonto des Büros von den nepalischen Behörden ebenfalls geschlossen wurde. Es konnte zwar der größte Teil des Geldes auf diesem konnte vorher 'in Sicherheit' gebracht werden, aber aktuell ist der Geldfluss vor allem für die Versorgung der Tibeter im Camp sehr erschwert.
Es gibt ein Fahrzeug des Refugee Camps, mit dem Tibeter nach ihrer Flucht aus Tibet von der Grenze abgeholt werden. Diese Fahrzeug hatte einen Unfall und musste repariert werden. Dann konnte die Reparatur aber nicht bezahlt werden, da zwischenzeitlich das Konto geschlossen worden war. Mit geliehenen Fahrzeugen, die natürlich auch wieder Geld kosten, hat man sich beholfen bis dann durch spezielle Kanäle das Auto bezahlt werden konnte.
Das Refugee Camp benötigt dringend Geld für den laufenden Unterhalt und möchte unbedingt begonnene und notwendige Umbaumaßnahmen auch als Demonstration des Optimismus für die weitere Entwicklung weiterführen. Da ein offizielles Konto z. Zt. nicht zu Verfügung steht, wird der Transport der Spenden direkt und vor allem sehr schnell über einen privaten und absolut vertrauenswürdigen Kanal abgewickelt.



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