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Betreff: Tibet: Human Rights Update September/Teil 2
Datum: 1. November 2003 20:43:55 MEZ
Wir senden nachstehend den zweiten Teil des "Human Rights Update" September 2003 vom Tibetan Centre for Human Rights and Democracy.
Eine junge Tibeterin stirbt auf dem Weg ins Exil
Die 17-jährige Diki Tsomo kam auf tragische Weise ums Leben, als sie auf der gefährlichen Flucht über die Berge in eine Gletscherspalte fiel. Ihr Begleiter, der 19-jährige Chunglak, berichtete, nachdem er Kathmandu erreicht hatte, dem TCHRD:
Unsere Gruppe bestand aus sieben Personen. Zwei davon waren Männer, der Rest Mädchen, das jüngste 14 Jahre als. Wir fuhren per Fahrzeug bis zum Kreis Dingri und gingen von dort zu Fuß weiter. Auf der anderen Seite der Grenze in Solukhumbu kamen wir vom Weg ab. Es war bitterkalt und wir konnten in der Dunkelheit nichts sehen. Eine ganze Nacht lang liefen wir auf und ab
auf der Suche nach dem richtigen Weg, aber ohne Erfolg. In der Morgendämmerung des 17. Septembers gingen die zwei Männer, um nach der Richtung zu suchen. Sie konnten den Pfad zwar finden, kamen aber eilends zurück und sagten, eine chinesische Grenzpatrouille sei uns auf der Spur. Wir starten sofort und bildeten eine Kette, indem wir uns an den Händen hielten. Plötzlich fiel Diki in eine Gletscherspalte. Wegen des Schnees hatte keiner von uns sie bemerkt.
Diki rief um Hilfe. Wir konnten sie nicht sehen, wir hörten nur das Gletscherwasser am Grund der Spalte rauschen. Einer der Männer hatte ein Seil bei sich, das wir durch Anbinden unserer Gürtel verlängerten. Aber unglücklicherweise riß das Seil, als wir sie halb hochgezogen hatten. Wir
machten einen weiteren Versuch, indem wir die Riemen unserer Rucksäcke zusammenbanden, aber wir konnten Diki nicht mehr herausziehen. Sie sagte, wir sollten sie zurücklassen und weitergehen. Sie dachte wohl, daß wir von der Grenzpolizei gefaßt werden könnten. Wir verließen sie aber nicht und versuchten noch einmal sie heraufzuziehen, indem wir die Ärmel unserer Hemden und Pullover zusammenbanden. Als wir dann ihren Namen riefen, antwortete sie nicht mehr. Wahrscheinlich war sie inzwischen erfroren.
Diki Tsomo war eine Schülerin der Regierungs-Schule No. 8 der Stadt Lhasa. Ihre Eltern, die ursprünglich aus dem Kreis Gonjo, Provinz Sichuan, stammen, konnten von ihren mageren Einkünften die hohen Schulgebühren nicht mehr bezahlen. Diki bot an, nach Indien zu gehen, um ihre Schulbildung dort fortzusetzen.
Jedes Jahr treffen Tausende von Flüchtlingen in Indien ein, von denen über die Hälfte Minderjährige unter 18 Jahren sind. 2002 verzeichnete das TCHRD 1.378 Flüchtlinge, die das Tibetan Refugee Reception Centre in Dharamsala erreichten, 715 davon waren Jugendliche unter 18 Jahren.
Portrait eines politischen Gefangenen: Sieben Jahre Haft wegen Flugblättern
Trakru Yeshi (48) wurde in der Gemeinde Yoknak, Kreis Sog, Präfektur Nagchu, TAR, geboren. Er kommt aus einer Nomadenfamilie von fünf Personen und ist der Mittlere unter seinen Geschwistern. In frühen Jahren hütete er die Herde
seiner Familie. Obwohl er in der Kindheit nur wenig an Bildung genossen hat, fand er bei dem lokalen Wasserkraftwerk einen Gehilfenjob, den er 4-5 Jahre lang versah. Nach Absolvierung seines Trainings wurde er 1990 bei dem Kraftwerk des Distrikts Sog angestellt. Er verlegte Leitungen und behob kleinere elektrische Störungen in dem Landkreis.
Im Juli 1999 faßten Trakru Yeshi und einige seiner Freunde den Entschluß, gegen die chinesische Besatzungsmacht zu protestieren. Irgendwie beschafften sie sich einen hölzernen Druckstock mit Unabhängigkeits-Parolen wie Free Tibet, Lange lebe Seine Heiligkeit der Dalai Lama, China raus aus Tibet , Tibet gehört den Tibetern. Mit Hilfe dieses Druckstockes stellten sie Tausende von Flugblättern her und verstreuten sie überall auf den Straßen und Märkten des Kreises. Diese Blätter waren ziemlich zahlreich, und das PSB vom Distrikt Sog berichtete den Vorfall an höhere Stellen.
Nun kamen Beamte des Präfektur-PSB und des Geheimdienstes von Lhasa (chin. Ang jang jue) in den Distrikt Sog, um der Sache nachzugehen. Yeshi Tenzin und Gyurmey, zwei Komplizen von Trakru Yeshi bei der Flugblätter-Aktion, waren die ersten, die von der Polizei gefaßt wurden. Die beiden wurden so schwer geprügelt und gefoltert, daß sie nicht anders konnten, als die Namen ihrer Gefährten preiszugeben. In der Folge wurden alle an der Sache Beteiligten an unterschiedlichen Tagen und Orten festgenommen. Insgesamt waren es acht, der älteste unter ihnen ein 83-jähriger alter Mann. Trakru Yeshi wurde anscheinend tagsüber von den PSB-Kräften von Sog festgenommen. Seine Kollegen bei der Arbeit erhielten strenge Anweisung, niemandem etwas von seiner Verhaftung zu erzählen. Die Polizei entdeckte die Druckstöcke im Haus eines weiteren Komplizen. Etliche Bewohner von Sog wurden ebenfalls festgenommen und intensiv verhört.
Im Dezember verurteilte das Mittlere Volksgericht der Präfektur Nagchu sechs der Festgenommenen unter der Anklage der Absprache mit der Dalai Clique und der Gefährdung der Staatssicherheit zu verschieden langen Haftstrafen von sieben Jahren bis lebenslang. Als Indizien für die gegen sie erhobenen Anklagen präsentierte das Gericht Unabhängigkeitsposters, einen hölzernen Druckstock und Tonkassetten mit Reden des Dalai Lama.
Trakru Yeshi wurde zu 7 Jahren verurteilt, Sey Khedup (30), der wegen seiner Fähigkeiten als Zimmermann unter Verdacht stand, bei der Herstellung derDruckstöcke geholfen zu haben, zu lebenslänglich und Tsering Lhagon (44), der im Besitz der Druckblöcke war, zu 15 Jahren. Nachdem das Gericht das Urteil gefällt hatte, wurde Trakru Yeshi zur Verbüßung seiner Strafe ins Drapchi Gefängnis überführt, wo er immer noch eingesperrt ist.
Tibetischer Bettler wegen Singens eines patriotischen Liedes festgenommen
Einer zuverlässigen Information aus Tibet zufolge wurde ein tibetischer Bettler Ende 2001 in Lhasa festgenommen, weil er ein Lied mit
nationalistischem Unterton gesungen hatte.
Der 48-jährige Phumlak gab sein Lied in einem Wohnviertel in der Nähe des Gamchung Hotels zum besten. Die Worte des Liedes ?Lhasa ist nicht verkauft worden, Indien ist nicht gekauft worden, es stimmt nicht, daß Gyalwa Tenzin Gyatso (der Dalai Lama) hier keine Wohnstätte mehr hat? wurden von den Beamten des Public Security Bureau als politisch interpretiert. Sie verhafteten ihn auf der Stelle und schlugen ihn heftig. Phumlak wurde willkürlich zu drei Jahren in einem Lager zur ?Reform-durch-Umerziehung? verurteilt. Derartige Strafanstalten entsprechen nicht den internationalen Rechtsnormen. Die Staatspolizei in Tibet ist autorisiert, Personen aufgrund willkürlicher Anklagen beliebig zu bestrafen. Die Übeltäter erhalten nur einen Bescheid über ihre Strafe, aber kein offizielles Dokument mit den Anklagen gegen sie, was einen Verstoß gegen das internationale Recht darstellt.
Phumlak, der an einem Bein behindert ist, muß alleine für seine fünfköpfige Familie sorgen, die von dem lebt, was er durch Betteln zusammenbringt. Er ist einer der vielen tibetischen Bettler, die mit einer dranyen (tibetische Gitarre) durch die Straßen von Lhasa ziehen und Lieder singen.
Er kam in die Haftanstalt Trisam, wo er immer wieder ohnmächtig wurde und sich sonderlich benahm. Da er der einzige Brotverdiener in seiner Familie war, macht er sich nun große Sorgen um sie. Er befindet sich derzeit in der Anstalt zur Reform-durch-Umerziehung Trisam im Kreis Toelung Dechen südlich von Lhasa.
Sonderbeauftragte für Bildung kritisiert China
Wie die Washington Post am 18. September berichtete, übte die Sonderberichterstatterin der UNO für Erziehung, Catarina Tomasevski, harte Kritik an Chinas Bildungspolitik. Sie sprach nach ihrer Rückkehr von einer zweiwöchigen Reise nach Peking zu einer Gruppe von Reportern und verurteilte dabei entschieden das staatliche Verbot der religiösen Erziehung, sowie das System der willkürlichen Schulgebühren, das viele Familien in die Verschuldung treibt.
Die Argumentation der chinesischen Regierung, durch Anhebung des Lebensstandards und Verbesserung des Zugangs zu Bildung und Gesundheitsfürsorge der Bevölkerung großen Nutzen zu bringen, wies die Sonderbeauftragte zurück. Tomasevski sagte, China verfehle nach wie vor, seinen internationalen Verpflichtungen nachzukommen. Die Regierung behauptet, über 90% der Schüler würden mindestens 9 Schuljahre durchlaufen, und die Analphabetenrate bei der jungen und mittleren Altersgruppe sei auf 5% gesunken. Die Sonderberichterstatterin betonte, die von chinesischen Schulen erhobenen legalen und illegalen Gebühren stellten für viele Kinder eine unvernünftige finanzielle Hürde dar.
Tomasevski führte aus, daß sogar ein armes Land wie Uganda mehr als China leiste, um seiner Bevölkerung das Recht auf Bildung zu gewährleisten. China gibt nur zwei Prozent des Bruttoinlandprodukts für das Bildungswesen aus, während die Empfehlung der Vereinten Nationen auf ein Minimum von 6 Prozent lautet.
Catarina Tomasevski ist die erste Menschenrechtsexpertin, die seit fast einem Jahrzehnt China einen Besuch abgestattet hat. China erlaubt unabhängigen Menschenrechts-Beobachtern wie der Organisation Human Rights Watch aus den USA oder Amnesty International aus London nicht das Land zu besuchen. Viele Staaten fordern, daß China regelmäßige Besuche von UN-Vertretern gestattet, um weitere Untersuchungen anzustellen, besonders was brisante Themen wie Mißhandlung in Haftanstalten und Unterdrückung der Religion betrifft. China ratifizierte das Übereinkommen über die Rechte des Kindes der UNO (Child Rights Convention) am 2. März 1992.
Übersetzung aus dem Englischen von Adelheid Dönges, München
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