Lokale Aktivitäten
Würzburg
Home
Aktionen weiter
Menschenrechte
Geschichte Tibets
TID e.V
Nonnen Tournee 2003
Links
TIBET INITIATIVE DEUTSCHLAND e.V.

Auslieferung der Häftlinge an der Grenze: Augenzeugenbericht
Ein tibetischer Häftling in Nepal freigekommen

18.6.2003

AKTIONEN
Bilder der Deportierten
Demo der TID
home

Tibetan Centre for Human Rights and Democracy (TCHRD)
Top Floor, Narthang Building, Gangchen Kyishong, Dharamsala 176215, H.P., India
Phone +91 1892 223363/225874, , e-mail: dsala@tchrd.org, www.tchrd.org

HRU May 2003: Auslieferung der Häftlinge an der Grenze: Augenzeugenbericht

„Kaum hatte ich die Nachricht erhalten, daß die Flüchtlinge nun doch, wie befürchtet, deportiert würden, rief ich einen Fotographen und stürzte los. Unterwegs hörten wir, daß die Gefangenen beim Police Club von einem Polizeiwagen in ein anderes Fahrzeug umgeladen würden. Als wir dort ankamen, wurden sie gerade in einem neuen, modernen Toyota Kleinbus ohne Nummernschild und Aufschrift weggefahren. Wir hätten gar nicht gewußt, daß es der Bus mit den Häftlingen ist, wenn sich nicht eine Tibeterin - die einzige weitere Person an dem Ort - schreiend vor ihn geworfen hätte, um ihn am Wegfahren zu hindern. Das gab uns Zeit, hinzurennen, einige Aufnahmen zu machen, wieder in unser Auto zu springen und ihm zu folgen. Zwischen dem Gefangenenbus und uns fuhr ein schneidiger chinesischer Geländewagen (SUV) der Botschaft mit einem chinesischen Beamten, einem Fahrer und einem Nepalesen in Zivil darin (später sprach ich mit ihm, er schien mir eine höchst verdächtige Figur zu sein; die Nepalesen behandelten ihn wie einen Vorgesetzten, doch mir erklärte er auf Hindi, er sei ein Tourist, der gerade an der Grenze Ferien mache). Etwa 60 km folgten wir dem Konvoi, ohne bemerkt zu werden, aber dann verloren wir ihn aus den Augen. Unser Fahrzeug war nämlich viel langsamer, und je weiter wir in die Berge hinaufkamen, desto schlechter wurden die Straßen. Als wir den Konvoi wieder sahen, war ein drittes Fahrzeug hinzugekommen, nämlich ein üblicher nepalesischer LKW mit etwa 20 Polizisten, darunter ein paar bewaffneten, die als Eskorte dienten. Sonst war außer den örtlichen Bewohnern und den LKW Fahrern niemand in der Grenzstadt Kodari.
Wir trafen sogar noch vor dem Konvoi ein. Auf der chinesischen Seite war schon viel los, zahlreiche PAP Milizionäre machten zackige Übungen oder exerzierten in den Kasernen auf der anderen Seite des Flusses. Als sie sahen, daß ich die Brücke betreten hatte, schickten sie ein kleines Aufgebot in Antikrawall-Montur über die Freundschaftsbrücke, um mich zu verjagen. Eine halbe Stunde später sah ich auf der nepalesischen Seite ein großes chinesisches Polizeifahrzeug mit einem Nummernschild aus Lhasa ankommen, aus dem gewichtige tibetische und chinesische Offizielle ausstiegen und mit dem nepalesischen Grenzpersonal verhandelten. Dann traf auch das Begleitfahrzeug der chinesischen Botschaft mit dem chinesischen Beamten und seinem nepalesischen Verbindungsmann ein. Da hörte ich plötzlich ein lautes Hupen und sah, wie der Gefangenenbus versuchte, auf die Straße zur Brücke zu gelangen. Wir konnten nur schlecht hineinsehen, weil die Fensterscheiben getönt waren, aber zumindest auf unserer Seite saßen nepalesische Polizisten zwischen jeder Gefangenenreihe und am Fenster. Deshalb konnten wir die Häftlinge nur schlecht ausmachen, außerdem geschah alles so schnell.
Es erregte einiges Aufsehen, als der Bus laut hupend, mit brennenden Scheinwerfern und gefolgt von der bewaffneten Eskorte vorbeifuhr, und alle Leute des Ortes rannten neugierig herbei. Doch der Bus fuhr schnurstracks und ohne zu halten durch alle nepalesischen Checkposten hindurch und über die Brücke hinweg, bis er auf der chinesischen Seite angelangt war. Dort legten einige Beamte ihre weißen Schutzmäntel gegen SARS an und stiegen kurz in den Bus, um einige medizinische Schnelltests vorzunehmen. Danach verschwand der Bus hinter einem Gebäude. Als die chinesischen Beamten ihm in dem Allradfahrzeug folgten, war es 12.25 Ortszeit. Was dann passierte, entging unseren Augen, aber die Polizeieskorte muß abgelöst worden sein, denn nach etwa einer Stunde kehrten die nepalesischen Polizisten über die Brücke zurück. Sie waren etwa 25 bis 30 an der Zahl, fünf davon mit Gewehren bewaffnet. Einer trug ein Geschenk, das ihnen die Chinesen gegeben hatten – einen großen Karton wahrscheinlich voller Bier. Einer hatte ein ganz neues Nylonseil bei sich. Und ein weiterer in Zivilkleidung trug etwa 10 Paar Handschellen, die ziemlich schwer gewesen sein müssen, denn nach einer Weile legte er sie sich um den Hals. Wahrscheinlich waren die Gefangenen während der fünfstündigen Fahrt von Kathmandu damit gefesselt gewesen. Ein paar der älteren nepalesischen Polizisten erklärten uns, es täte ihnen sehr leid und sie hätten nur ihre Pflicht erfüllt. Wir sahen noch, wie der Bus mit den Gefangenen auf der chinesischen Seite der Schlucht gefolgt von dem Polizeifahrzeug in Richtung Zhangmu davonfuhr. Das ganze war ein sehr deprimierendes Erlebnis".

TCHRD-News vom 18. Juni 2003:
Ein tibetischer Häftling in Nepal freigekommen

Der tibetische Gefangene Sobho, 28, der im Central Bhadra Jail inhaftiert war, wurde am 17. Juni freigelassen, nachdem das Office of Tibet und das Tibetan Refugee Reception Centre (TRRC) in Kathmandu das Lösegeld von 107 $ für ihn bezahlt hatten. Er wurde dem UN Flüchtlingshochkommissariat (UNHCR) übergeben und befindet sich derzeit in der Obhut des TRRC.

Verlautbarungen zufolge gab es Versuche, den Freilassungsprozeß von Sobho zu behindern. Um ihn selbst zu zitieren: ?Am 17. Juni wurde ich gegen 17 Uhr entlassen. Während die Mitarbeiter des TRRC die Formalitäten erledigten, kamen zwei nepalesische und ein tibetischer Mann zweimal zu mir ins Gefängnis. Sie stellten mir viele Fragen - etwa, was das TRRC für mich mache, und wann ich entlassen würde usw. Vor allem forderten sie von mir, ein Schriftstück zu unterschreiben, was ich jedoch ablehnte. Ich hatte den Eindruck, daß diese Männer versteckte Motive hatten, als sie mich interviewten?.

Das TCHRD betrachtet diese Freilassung als eine versöhnliche Geste seitens der nepalesischen Behörden angesichts des internationalen Aufschreis über die kürzlich erfolgte Deportation von 18 Tibetern. Mehrere Regierungen und NGOs „bedauerten und verurteilten“ diese Maßnahme der Regierung Seiner Majestät von Nepal, weil sie sich den Anordnungen der chinesischen Botschaft in Kathmandu gegenüber so willfährig gezeigt hatte.

Unterdessen liegen uns bestätigte Informationen vor, daß die Einwanderungsbehörde für die drei Kinder (die unter den 21 Verhafteten waren, von denen 18 deportiert wurden) bisher keine Erlaubnis erteilte, nach Indien auszureisen. Sie befinden sich daher in Gefahr, deportiert zu werden, sobald die chinesische Botschaft genügenden Druck auf die nepalesische Regierung ausübt. Derzeit gibt es 10 tibetische Häftlinge in nepalesischen Gefängnissen, die alle in Ermangelung der notwendigen Aufenthaltspapiere und Visa eine Haftstrafe von 10 Jahren verbüßen.

Sobho äußerte sich sehr besorgt über das Schicksal der neulich an die Chinesen ausgelieferten Flüchtlinge: „Die Deportation von 18 Tibetern ist einfach schockierend. Ich fühle wirklich mit ihnen in ihrer Notlage mit. Zurückgeschickt zu werden, ist der schlimmste Alptraum für jeden Flüchtling. Sie haben jetzt mit Mißhandlungen und Folter zu rechnen. Ich appelliere an die internationale Gemeinschaft und an die zuständigen Regierungen, keine Tibeter mehr zu deportieren. Diese Flüchtlinge sind gerade den Klauen des Todes entgangen und jetzt werden sie in die Hölle zurückgeschickt, wo sie der Strafverfolgung der Chinesen ausgesetzt sind“.

Sobho hatte schon vor fünf Jahren einen Fluchtversuch aus Tibet unternommen, der jedoch mißglückte. Er war mehrere Monate in dem Nyari Haftzentrum in der Präfektur Shigatse, TAR, eingesperrt gewesen. Obwohl er dieses Mal seinen Fuß auf nepalesischen Boden setzen konnte, wurde er am 7. Mai 2003 an dem Checkpoint Barabise festgenommen und dort 6 Tage festgehalten, ehe er dem Immigration Department überstellt wurde. Diese Behörde leitete ein Verfahren gegen ihn ein und setzte eine Visumsgebühr von 37.50 $ zuzüglich einer Strafe von NRs 5.000 (70 $) fest. Weil er diese Summe nicht bezahlen konnte, wurde Sobho wegen Zahlungsverzugs zu einer Haftstrafe von 10 Monaten verurteilt.

Sobho stammt aus dem Distrikt Derge, TAP Kardze, Provinz Sichuan. Nachdem er 7 Jahre als Mönch in dem Buddhistischen Institut Serthar verbracht hatte, mußte er diesen Ort verlassen, als die chinesischen Behörden Mitte 2001 etwa 8.000 Studierende von dort vertrieben und ihre Unterkünfte zerstörten. Um seine religiösen Studien fortführen zu können, beschloß Sobho daher, die monastische Ausbildung in den Exilklöstern in Südindien zu vollenden. Der Wunsch nach einer Audienz beim Dalai Lama ist ein weiterer Beweggrund für seine Flucht aus Tibet.

Übersetzung: Adelheid Dönges, München, und Angelika Mensching, Hamburg

home
tid
contact